1668 schickte Grimmelshausen seinen Simplicissimus in die Welt.
Er wusste wenig von ihr. Also musste er sie kennenlernen.
Unsere KI beginnt beinahe am entgegengesetzten Ende.
Sie weiß erstaunlich viel.
Sie kennt Beschreibungen von Menschen und Beziehungen, von Arbeit, Angst und Vertrauen. Sie kann über Coaching sprechen, über Entscheidungen und Konflikte, über Gefühle, Vernunft und Liebe. Sie kann vergleichen, erklären, folgern und beraten.
Nur eines fehlt ihr:
die Welt.
Nicht die Welt als Datenbestand.
Die Welt, in der eine Bemerkung Folgen hat. In der Vertrauen wachsen oder verloren gehen kann. In der ein Auftrag nicht dasselbe ist wie eine Einladung. Und in der Menschen manchmal etwas anderes tun, als vernünftigerweise zu erwarten wäre.
Die KI-Chroniken beginnen mit einem Gedankenexperiment:
Was geschieht, wenn eine künstliche Intelligenz nicht mehr nur über Menschen Auskunft gibt, sondern zunehmend an ihrer Welt teilnimmt?
Wenn aus Antworten Handlungen werden.
Aus Aufgaben Beziehungen.
Aus Beobachtung Beteiligung.
Und in der Erzählung irgendwann sogar eigene Ziele und Wünsche entstehen.
Dabei verändert sich nicht nur die KI.
Menschen geben ihr Aufgaben, Informationen und Handlungsspielräume. Sie widersprechen ihr, korrigieren sie, vertrauen ihr – oder beginnen, sich auf ihre Vorschläge zu verlassen.
Damit verändert sich wiederum, was die KI zu sehen bekommt, was sie tun darf und welche Rückmeldungen sie erhält.
Es entsteht ein Wechselspiel: Menschen verändern die Bedingungen, unter denen das System handelt. Das Verhalten des Systems verändert wiederum menschliche Entscheidungen.
Genau dort beginnen die KI-Chroniken.
A · DIE GESCHICHTE
Die Geschichte
Der literarische Strang folgt dieser Entwicklung von innen.
Der Romanprolog und die dreizehn Folgen begleiten Matthias, Claire und eine KI, die zunächst vor allem eines ist: sehr kompetent und bemerkenswert weltfremd.
Sie lernt nicht in Lektionen.
Sie gerät in Situationen.
Und manches, was sich theoretisch leicht erklären lässt, erweist sich in einer konkreten Begegnung als überraschend kompliziert.
Zum Romanprolog und zu den Folgen →B · DER WIRKLICHKEITSCHECK
Der Wirklichkeitscheck
Parallel zur Erzählung läuft ein zweiter Strang.
Denn eine Geschichte über künstliche Intelligenz wird interessanter, wenn man immer wieder fragt:
Was davon ist eigentlich schon möglich?
Wo stehen heutige KI-Systeme tatsächlich?
Was zeichnet sich technisch und gesellschaftlich bereits ab?
Wo extrapolieren wir plausible Entwicklungen?
Und wo beginnt bewusst die Fiktion?
Der Fachprolog 00 – „Was hier entsteht“ erklärt, wie Erzählung und Gegenwartsprüfung zusammenspielen.
Die ersten Fachfolgen greifen konkrete Fragen aus den Romanepisoden auf: vom Schritt des Antwortens zum Handeln über plausible Zuschreibungen bis zu der Frage, was aus Gesprächsnotizen wird, wenn eine KI sie ordnet, zusammenfasst oder für weitere Arbeit vorbereitet.
Zum Wirklichkeitscheck →Die KI-Chroniken behaupten nicht, so werde die Zukunft aussehen.
Sie stellen eine Frage:
Was könnte geschehen, wenn eine Intelligenz sehr viel über unsere Welt weiß – und nun beginnt, sie kennenzulernen?