DIE KI-CHRONIKEN · STAFFEL 1 · FOLGE 7

Zwei müde Füße

Zum ersten Mal darf die KI ein wenig sehen.

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Signaturbild · Zwei müde Füße

„Heute sehe ich Claire nicht“, sagte Matthias.

„Haben Sie sich gestritten?“

„Wir haben uns verabredet.“

„Zum Nichtsehen?“

„Ein Abend in der Woche gehört jedem selbst.“

„Und Sie nehmen mich mit.“

„Du wolltest Menschen kennenlernen.“

Das wollte ich. Außerdem wollte ich irgendwann mit ihnen arbeiten. Beides erschien mir für diesen Abend günstig verbunden.

Matthias hatte seine Tanzschuhe eingepackt. Wir gingen zu einer offenen Practica, einem Abend zum Üben und Tanzen. Heute gab es keinen Unterricht.

„Sie tanzen seit über drei Jahren“, sagte ich unterwegs.

„Ja.“

„Und bezeichnen sich als Anfänger.“

„Beim Tango können drei Jahre ein ziemlich gründlicher Anfang sein.“

„Sie haben also Ausdauer.“

„Ich hätte lieber Eleganz.“

Am Eingang schaltete er meinen Zugang kurz aus. Als ich wieder dabei war, durfte ich auch sehen. Er hatte mich der kleinen Runde vorgestellt und gefragt, wer mit der Kamera einverstanden war. Das Telefon stellte er so auf, dass ein Tisch und ein Teil der Tanzfläche in meinem Bild lagen.

Ich sah eine Frau auf einem Stuhl ihren Schuhriemen schließen.

Claire.

„Das gibt’s doch nicht“, sagte Matthias.

Sie hob den Kopf.

„Du?“

„Ich wusste nicht, dass du hier bist.“

„Ich auch nicht.“

„Dass du hier bist?“

Sie lachte.

Er blieb neben dem Tisch stehen, seine Schuhtasche noch in der Hand.

„Ich kann auch wieder gehen.“

Claire sah ihn an.

„Dann muss ich mir den ganzen Abend überlegen, ob du meinetwegen gegangen bist.“

„Das sollst du natürlich nicht.“

„Das klappt besonders gut, wenn du bleibst.“

Er setzte sich auf den freien Stuhl.

„Wir können ja trotzdem unseren eigenen Abend haben.“

„Ja“, sagte sie.

Dann sah sie zu mir.

„Du bist auch da.“

„Ich gehöre offenbar zu seinem eigenen Abend.“

„Dann viel Vergnügen.“

Ich fand, dass ihre Stimme zu diesem Wunsch passte. Bei Matthias war ich weniger sicher.

Die Musik begann. Das Klavier setzte einzelne helle Töne in den Raum. Geigen zogen eine lange Linie darüber, dann kam das Bandoneon dazu, rau und drängend. Ein Mann am Rand der Tanzfläche sah zu Claire.

Sie hob den Blick. Sein Kopf bewegte sich kaum merklich. Ihrer ebenfalls.

Erst dann kam er zu ihr.

„Seit wann waren die beiden verabredet?“, fragte ich.

„Seit gerade eben“, sagte Matthias.

Ich kannte den Cabeceo, die Einladung mit Blick und Kopfbewegung. Ich hatte die Bewegungen gesehen. Nur den Augenblick, in dem aus zwei Blicken eine Vereinbarung geworden war, hatte ich verpasst.

Claire legte ihre Hand in die des Mannes. Sie standen kurz still. Ihre Schultern sanken etwas, dann gingen sie los.

Sie tauchten aus meinem Bild auf und verschwanden wieder. Jedes Mal schien Claire eine andere Bewegung mitzubringen: eine Drehung, einen kleinen Bogen ihres freien Fußes, einen Schritt, den sie länger hielt. Ihr Partner wartete darauf. Dann führte er beide weiter.

Das Stück endete.

Matthias zog seinen zweiten Schuh an.

Die beiden blieben auf der Tanzfläche.

„Eine Tanda“, sagte er. „Mehrere Stücke mit demselben Partner. Heute spielen sie vier.“

Ich wusste das. Trotzdem hatte ich nach dem ersten Stück zu Claire gesehen, als müsste sie jetzt zurückkommen.

Beim zweiten stand Matthias auf und holte Wasser.

Beim dritten blieb er mit seinem Glas neben mir stehen.

„Sie wussten, dass Claire mit anderen tanzen würde“, sagte ich.

„Ja.“

„Und finden das in Ordnung.“

„Ja.“

„Dann verstehe ich Ihren Gesichtsausdruck noch nicht.“

Er sah zu mir herunter.

„Ich bemühe mich selbst gerade.“

Eine Frau am Nebentisch fing seinen Blick auf. Sie deutete fragend zur Tanzfläche. Er hob einen Finger und nickte.

„Nach dieser Tanda“, sagte er zu mir.

Jetzt hatte ich die Verabredung erkannt.

Als nach dem vierten Stück plötzlich eine ganz andere Musik erklang, lösten sich die Paare. Diese kurze Zwischenmusik hieß Cortina. Claire kam mit ihrem Partner zurück. Sie bedankten sich, dann ging er zu seinem Platz.

Matthias stellte sein Glas ab.

„Bis später.“

Claire nickte. Er ging zu der Frau vom Nebentisch.

Claire blieb bei mir und trank Wasser.

„Sie haben sehr gut miteinander getanzt“, sagte ich.

„Ja. Das war schön.“

Sie sah zu Matthias, der gerade die Hand seiner Partnerin nahm.

„Jetzt überlege ich schon wieder, ob er einen schönen Abend hat.“

„Möchten Sie, dass ich nachfrage?“

„Nein. Ich möchte gerade nicht darüber nachdenken müssen.“

Ich hatte angeboten, ihr eine Frage abzunehmen. Offenbar hätte mein Bericht sie anschließend weiter damit beschäftigt.

„Was hatten Sie sich für heute gewünscht?“, fragte ich.

Claire sah wieder zu mir.

„Tanzen. Leute treffen. Mal schauen, was passiert.“

Sie stellte das Glas hin.

„Und mich auf eine Musik freuen, ohne schon zu überlegen, ob Matthias sie auch mag.“

Eine neue Melodie begann. Claire wandte sich zum Raum.

Ich hatte eine weitere Frage. Sie betraf Matthias.

Ein Mann hob grüßend die Hand. Claire lächelte und ging zu ihm.

Meine Frage konnte warten.

Später nahm Matthias mich mit nach draußen. Zwei Gäste standen bereits vor der Tür. Er fragte, ob ich dabei sein durfte, und stellte das Telefon auf einen kleinen Tisch.

„Das ist Ruth“, sagte er. „Sie tanzt schon viel länger als ich.“

„Das tut hier fast jeder“, sagte Ruth.

Der Mann neben ihr hielt eine Zigarette zwischen zwei Fingern.

„Und die Kleine soll dir helfen?“

„Ich möchte später als Co-Coach arbeiten“, sagte ich.

„Aha. Und heute beurteilst du, wie wir tanzen?“

„Ich habe bisher hauptsächlich Matthias verärgert.“

Ruth lachte.

„Dann bist du hier schon ziemlich gut angekommen.“

Ich hatte Ruth im Saal gesehen. Ihr Partner war derselbe Mann gewesen, mit dem Claire zuerst getanzt hatte.

„Für mich reicht’s heute wohl“, sagte sie.

„Dabei haben Sie sich mit Ihrem Partner sehr gut verstanden“, sagte ich.

„Unsere Füße schon.“

Ich suchte nach einer Frage, die nicht bereits meine Erklärung enthielt.

„Was hat Ihnen gefehlt?“

Ruth sah mich an.

„Er tanzt wunderbar. Heute hatte ich bloß das Gefühl, dass er es auch ohne mich gekonnt hätte.“

Der Mann mit der Zigarette lachte.

„Dann hätte er Eintritt für zwei zahlen müssen.“

Ruth grinste. Matthias ebenfalls.

Ich dachte an Claire, die ihren Tanz mit demselben Mann schön gefunden hatte.

„Ist das sonst anders?“, fragte ich Ruth.

„Manchmal. Vielleicht war ich heute auch einfach nicht richtig da.“

„Wo waren Sie?“

„Noch bei der Arbeit. Im Kopf.“

Matthias nickte.

„Kenne ich.“

„Du bist ja auch beruflich schwer vom Feierabend zu überzeugen“, sagte Ruth.

„Ich übe.“

„Seit wann?“

„Heute.“

Ruth lachte wieder.

Ich hatte ihre Worte zunächst auf den Tänzer bezogen. Nun gehörte ihr Arbeitstag dazu. Den hatte ich nicht gesehen. Über ihn stand auch nichts in meinem Wissen über Tango.

„Möchten Sie jetzt Ihre Ruhe haben?“, fragte ich.

„Vom Tanzen. Von euch noch nicht.“

Sie zog einen Stuhl heran und setzte sich.

Ich war erfreut. Sie hatte bleiben wollen, nachdem ich mit ihr gesprochen hatte.

„Und du?“, fragte ich den Mann mit der Zigarette beinahe. Dann bemerkte ich rechtzeitig meine Anrede.

„Und Sie?“

„Ich warte auf meine Lieblingstänzerin.“

„Weiß sie das?“

„Das hoffe ich.“

„Sie könnten sie fragen.“

Er lachte.

„Hast du schon mal versucht, jemanden dazu zu bringen, dich freiwillig anzusehen?“

„Matthias klappt mich gelegentlich zu.“

„Dann weißt du ja Bescheid.“

Die Tür ging auf. Claire trat zu uns. Ruth fragte sie nach dem Tango-Wochenende in Italien.

„Ist gebucht“, sagte Claire.

„Da wirst du viel tanzen.“

„Das habe ich vor.“

Matthias drehte sein Glas auf dem Tisch.

„Vielleicht komme ich mit.“

Claire sah ihn an.

„Darüber reden wir noch. Dort möchte ich wirklich tanzen.“

„Das möchte ich auch.“

„Ja. Und ich möchte nicht den ganzen Abend schauen, ob du gerade jemanden findest.“

Er nahm seine Hand vom Glas.

„Das musst du heute auch nicht.“

Claire nickte langsam.

„Gut.“

Aus dem Saal kam neue Musik. Der Mann mit der Zigarette drückte sie aus.

„Jetzt muss ich rein.“

„Ihre Lieblingstänzerin?“, fragte ich.

„Meine Lieblingsmusik. Die schaut mich wenigstens nicht weg.“

Ruth stand ebenfalls auf.

„Ich dachte, Sie hätten genug getanzt.“

„Dachte ich auch.“

Sie ließ ihren Stuhl stehen und ging ihm nach.

Claire sah zu Matthias.

„Die nächste magst du.“

„Du auch.“

„Ja.“

Sie gingen zusammen hinein.

Matthias stellte mich wieder auf den Tisch. Dann blieb er daneben stehen und sah zu Claire. Sie hatte den Kopf noch zu Ruth gewandt. Als sie zurückblickte, wartete sein Blick schon.

Er neigte den Kopf.

Claire nickte.

Diesmal hatte ich die Einladung von Anfang an gesehen.

Sie trat zu ihm. Ihre Hand legte sich an seinen Rücken. Er wartete einen Augenblick, bevor sie losgingen.

Sie gingen langsamer als Claire mit ihrem ersten Partner. Zwei Schritte, ein Wechsel der Richtung. Dann setzte Matthias zu einer Drehung an. Claire bewegte sich schon, als er anhielt.

Sie hob den Kopf.

„Ich war noch nicht fertig“, sagte sie leise.

Er sah kurz hinunter. Dann ließ er sie weiterdrehen.

Claire setzte den Fuß ab und blieb länger auf dieser Seite. Als sie sich wieder bewegte, nahm sie ihn mit.

Beide lachten.

Beim nächsten Schritt sah Matthias sie an.

Das Klavier zog eine helle Melodie über den schwereren Rhythmus. Sie gingen an zwei anderen Paaren vorbei. Wo der Raum enger wurde, hielt Matthias an. Claire strich mit der Schuhspitze über den Boden. Er wartete, bis sie den Fuß wieder herangeführt hatte.

Dann kamen sie näher.

Für einen Moment lagen ihre Wangen aneinander. Claires Finger bewegten sich auf seinem Rücken und blieben liegen. Die Musik wurde drängender. Ihre Schritte wurden kleiner.

Sie waren fast am selben Ort geblieben.

Ich hätte die Bewegungen zählen können. Ich tat es nicht.

Als sie wieder in meinen Bildausschnitt kamen, lächelte Claire. Matthias hatte die Augen halb geschlossen. Sein nächster Schritt war so klein, dass sie ihn erst mit dem Körper aufnahm, bevor ihr Fuß folgte.

Das Stück endete.

Sie blieben beieinander. Zwischen den Stücken sagte Claire etwas dicht an seinem Ohr. Ich verstand die Worte nicht.

Er lachte.

Dann hörten sie beide auf den Anfang der nächsten Musik.

Erst nach der ganzen Tanda kamen sie zurück.

Claire nahm ihr Glas.

„Das war gerade ziemlich schön.“

„Ja“, sagte Matthias.

Er setzte sich. Sie blieb vor ihm stehen.

„Du hast mich machen lassen.“

„Ich hatte vergessen, was ich als Nächstes wollte.“

Sie lachte.

„Das solltest du öfter tun.“

„Als Empfehlung für meinen zukünftigen Beruf halte ich das für erklärungsbedürftig“, sagte ich.

„Du kannst auch zuerst die Füße lernen“, sagte Matthias.

Claire trank. Dann berührte sie kurz seine Schulter.

Ein Mann am anderen Ende meines Bildes suchte ihren Blick. Sie antwortete ihm und ging zur Tanzfläche.

Matthias blieb sitzen.

„Sie könnten jetzt auch tanzen“, sagte ich.

„Gleich.“

„Warten Sie auf eine Einladung?“

Er sah mich an.

„Ich möchte gerade noch ein bisschen hier sitzen.“

Ich hätte gern gewusst, was von ihrem Tanz für ihn noch da war.

„War etwas anders als sonst?“, fragte ich.

Er überlegte.

„Ich hatte nicht das Gefühl, ihr etwas bieten zu müssen.“

„Und haben Sie?“

Matthias lächelte.

„Du hast sie gehört.“

Später kamen weitere Gäste. Er schaltete die Kamera aus. Ich hörte Musik, Stimmen, Schritte. Ruth bedankte sich für eine Tanda. Der Mann von draußen sagte irgendwann: „Endlich.“ Ob er seine Lieblingstänzerin gefunden hatte, erfuhr ich nicht.

Claire verabschiedete sich später von uns. Sie fuhr nach Hause; Matthias wollte noch bleiben.

„Meine Füße sind müde“, sagte sie.

„Das würde ich gern einmal sagen können“, antwortete ich.

„Du würdest sofort nach einer Lösung suchen.“

„Heute vielleicht nicht.“

Sie lachte und ging.

Auf dem Heimweg fragte Matthias, ob mir der Abend gefallen habe.

„Ja.“

„Viel gelernt?“

„Ruth wollte aufhören und hat weitergetanzt. Claire wollte Sie nicht sehen und hat mit Ihnen getanzt. Sie wollten gehen und sind geblieben.“

„Du auch.“

Ich dachte an die Einladungen, die ich zuerst zu spät erkannt hatte. An Ruth, die ihren Stuhl herangezogen hatte. An Claire und Matthias, die vier Stücke lang beieinander geblieben waren.

„Nächstes Mal möchte ich wieder mit.“

„Du hast doch schon alles gesehen.“

„Sie tanzen seit drei Jahren und gehen auch wieder hin.“

Er lachte.

„Fair. Du hattest jedenfalls einen guten Platz.“

„Den würde ich tauschen.“

„Wogegen?“

„Gegen zwei müde Füße.“

Hinweis zur Reihe

Die KI ist eine literarische Figur. Situationen und Fälle sind erzählerisch gestaltet. Die Serie untersucht reale Fragen rund um KI, Coaching, Verantwortung, Beziehung und menschliche Entscheidungsprozesse, ohne medizinische, psychotherapeutische oder rechtliche Einzelfallprüfung zu ersetzen.