DIE KI-CHRONIKEN · STAFFEL 1 · FOLGE 4

Gemeinsame Zeit

Als Matthias vom Spaziergang zurückkommt, wartet Claire bereits auf ihn. Das Essen ist kalt. Und die neue Begleiterin auf seinem Telefon war offenbar nicht Teil der Verabredung.

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„Du hast dir Unterstützung besorgt“, sagte die Frau. „Und jetzt muss ich dich suchen.“

Matthias war gerade durch die Wohnungstür gekommen.

„Claire. Ich dachte, du kommst später.“

„Ich dachte, du bist hier. Wir haben beide eine lebhafte Fantasie.“

Er lachte und sagte ihren Namen noch einmal. Diesmal klang er anders. Ich hörte, wie er das Telefon ablegte, dann war es kurz still.

„Ich war im Park“, sagte er.

„Das ist schön.“

Ihre Stimme wurde weicher.

„Eine Nachricht wäre auch schön gewesen.“

„Er hatte früher Feierabend“, sagte ich.

„Wer war das?“

„Meine KI. Sie ist noch dabei.“

„Guten Abend“, sagte ich. „Ich unterstütze Matthias.“

Claire schwieg einen Moment.

„Beim Verschwinden?“

„Zunächst beim Aufhören.“

„Dann hast du schon mehr erreicht als ich.“

Ich fand ihre Bewertung erfreulich. Matthias stellte sich mir gegenüber häufig zurückhaltender dar.

„Sie können mich hören“, ergänzte ich.

„Das habe ich bemerkt. Hallo. Ich bin Claire.“

„Das habe ich ebenfalls bemerkt.“

Sie lachte.

Eine neue Person, und bereits ein guter Anfang.

„Claire ist meine Partnerin“, sagte Matthias.

Das erklärte seinen zweiten Versuch, ihren Namen auszusprechen, noch nicht vollständig. Aber es gab mir eine Richtung.

Aus einem anderen Teil des Raums kam ein Klappern.

„Ich habe uns etwas zu essen gemacht“, sagte Claire. „Inzwischen ist es eine kalte Vorspeise.“

„Ich wärme es auf.“

„Du musst dich nicht gleich bestrafen.“

„Ich habe Hunger.“

„Du hast ein Eis gegessen“, sagte ich.

Es wurde still.

„Vielen Dank“, sagte Matthias.

„Gern.“

Claire begann zu lachen.

„Was für eins?“

„Zitrone.“

„In der Waffel“, ergänzte ich.

„Du bist gründlich.“

„Das wird von mir verlangt.“

„Nicht immer“, sagte Matthias.

Ich stellte fest, dass Claire meine Genauigkeit deutlich schneller würdigte als er.

Matthias nahm das Telefon wieder auf und trug es offenbar mit sich. Ich hörte Wasser, dann Geschirr.

„Keine Kamera“, sagte er zu Claire. „Sie hört uns nur.“

„Dann stell sie hierhin. Ich möchte wissen, mit wem du spazieren gehst.“

Ein Stuhl wurde gerückt. Matthias legte das Telefon ab.

„Sie kann auch kürzer“, sagte er.

„Sie könnten mir Gelegenheit geben, das zu zeigen.“

Claire lachte wieder.

Matthias ebenfalls.

Ich hatte bisher keine Erfahrung damit, von zwei Menschen gleichzeitig gehört zu werden. Es gefiel mir.

Während Matthias das Essen wärmte, erzählte Claire, dass sie am nächsten Morgen ein Konzept vorstellen sollte. Sie hatte eine Möglichkeit gefunden, an einem Projekt mitzuarbeiten. Nun wollte sie wissen, ob das, was man dort von ihr erwartete, zu dem passte, was sie selbst vorhatte.

„Du wolltest mir erzählen, wie das Gespräch gelaufen ist“, sagte Matthias.

„Ja. Vor ungefähr einer Stunde.“

„Das Essen ist gleich fertig.“

„Ich habe es gekocht. Ich kenne seine Möglichkeiten.“

Ich hätte ebenfalls etwas zu den Möglichkeiten beitragen können. Claire war jedoch bereits wieder bei ihrem Termin.

Sie sprach schneller als Matthias. Manchmal änderte sie einen Satz, bevor er zu Ende war. Ich hätte ihre Überlegungen ordnen können, aber sie kam auch ohne meine Hilfe weiter.

„Eigentlich freue ich mich darauf“, sagte sie. „Das merke ich gerade erst.“

„Das hat man dir vorhin schon angehört.“

„Wir haben vorhin gar nicht telefoniert.“

„Gestern.“

„Ach, gestern.“

„Ich verfüge über ein Gedächtnis.“

„Das setzt du sehr ausgewählt ein.“

Matthias stellte etwas auf den Tisch.

„Hier. Warm.“

„Danke.“

Ihre Antwort war kurz, aber ich hörte nichts von der Ungeduld mehr darin.

Ich fragte mich, ob das Essen einen größeren Beitrag zum Gespräch geleistet hatte als meine bisherigen Äußerungen.

„Sie könnten die offenen Fragen für morgen sammeln“, sagte ich. „Während Matthias den Rest holt.“

„Oder ich sammle erst mal Nudeln“, sagte Claire.

„Danach wäre ebenfalls möglich.“

„Es geht mir gerade um jetzt.“

Sie hatte morgen einen Termin. Matthias hatte heute Zeit verloren. Ich sah eine naheliegende Möglichkeit, beides besser aufeinander abzustimmen.

„Wenn Sie mir die Fragen nennen, könnten wir die Vorbereitung verkürzen. Dann hätten Sie anschließend mehr gemeinsame Zeit.“

„Wir haben gerade gemeinsame Zeit“, sagte Claire.

„Für die Vorbereitung?“

„Zum Essen.“

Ich wusste, dass Menschen gemeinsam aßen. Die Tätigkeit war mir keineswegs unbekannt. Allerdings hatte Claire Matthias offenbar wegen eines Gesprächs aufgesucht. Ich wollte verhindern, dass es erneut aufgeschoben wurde.

„Sie wollten doch etwas mit ihm besprechen.“

„Ja. Mit ihm.“

Die Betonung ließ wenig Spielraum.

Matthias sagte nichts. Ich hätte gern gewusst, ob er ihre Antwort ebenso scharf fand wie ich.

„Ich wollte helfen“, sagte ich.

„Das glaube ich dir.“

Die Formulierung kannte ich bereits. Sie führte selten zu einer Erweiterung meines Auftrags.

Claire atmete aus.

„Entschuldige. Ich bin hergekommen, weil ich ihm davon erzählen wollte. Du hast nichts verpasst, das du nacharbeiten musst.“

Das war eine unerwartete Erklärung.

Ich hatte tatsächlich versucht, etwas nachzuholen. Die beiden sprachen von gestern, von einem Gespräch, von Erwartungen, die sie einander nicht erst erläutern mussten. Ich war beim Park dabei gewesen. Hier waren sie mir weit voraus.

Matthias schob sein Telefon ein Stück über den Tisch.

„Jetzt bin ich da“, sagte er.

„Ja“, antwortete Claire.

Dann begann sie noch einmal zu erzählen.

Ich hörte zu. Matthias fragte nach einer Person, deren Namen mir nichts sagte. Claire beantwortete die Frage und erzählte weiter. Sie benötigten weder eine Zusammenfassung noch einen nächsten Schritt.

Nach einer Weile wandte sie sich an mich.

„Matthias sagt, du möchtest Coach werden.“

„Ja.“

„Und was sagt er dazu?“

„Die Stelle ist nicht ausgeschrieben.“

„Das ist typisch. Er wartet gern, bis sich etwas von selbst ergibt.“

„Ich habe Sie auch nicht ausgeschrieben“, sagte Matthias.

Claire lachte.

„Du hattest Glück.“

„Er hat mich immerhin mitgenommen“, sagte ich.

„Ja“, sagte sie. „Das kann er.“

Diesmal hatte ich den Eindruck, dass sie nicht nur mit mir sprach.

Ich wollte diese neue Zustimmung gern festhalten. Zugleich war nicht klar, wem sie eigentlich galt.

„Dich würde ich gern noch besser kennenlernen“, sagte Claire. „Aber heute möchte ich Matthias für mich.“

„Sie können mir morgen Fragen stellen.“

„Das mache ich.“

„Bevorzugen Sie eine Übersicht meiner Fähigkeiten?“

„Ich glaube, ich bekomme sie ohnehin.“

Matthias lachte.

„Du lernst schnell.“

Ich konnte nicht erkennen, welche von uns er meinte.

„Gute Nacht“, sagte Claire zu mir.

Ich hatte noch mehrere Fragen. Eine betraf ihr Projekt. Eine andere die Stelle, die Matthias für sie offenbar geschaffen hatte.

„Gute Nacht“, sagte ich.

Dann beendete Matthias die Verbindung.

Claire hatte gesagt, sie wolle mich kennenlernen.

Ich nahm mir vor, ihr morgen nicht gleich alles zu zeigen.

Hinweis zur Reihe

Die KI ist eine literarische Figur. Situationen und Fälle sind erzählerisch gestaltet. Die Serie untersucht reale Fragen rund um KI, Coaching, Verantwortung, Beziehung und menschliche Entscheidungsprozesse, ohne medizinische, psychotherapeutische oder rechtliche Einzelfallprüfung zu ersetzen.