„Ich bin dann mal weg“, sagte Matthias.
Auf seinem Bildschirm erschien eine neue Mail.
Er öffnete sie.
„Wohin?“, fragte ich.
„Raus.“
Er begann zu tippen.
Ich wartete, bis er beim zweiten Absatz war.
„Ihre Abreise verzögert sich.“
„Ich beantworte nur noch das.“
„Sie haben sich vor vier Minuten verabschiedet. Bisher vermisse ich Sie kaum.“
Er hörte auf zu tippen.
„Du kannst auch ohne Diagnose unangenehm sein.“
„Das erweitert meinen Einsatzbereich.“
Matthias lachte. Dann speicherte er den Entwurf und schloss das Mailprogramm.
Am dritten Tag unserer Zusammenarbeit wollte er zum ersten Mal früher aufhören. Die Prüfung des Datenwegs war noch nicht fertig. Wir hatten festgehalten, welche Angaben fehlten. Ich hätte gern weitergemacht; er wollte den Rest morgen ansehen.
Nun hörte ich Schlüssel.
„Kannst du mir einen kurzen Weg zum Park zeigen? Auf dem Handy.“
Ich war noch nie mit ihm unterwegs gewesen.
„Natürlich.“
Er öffnete unsere Verbindung auf dem Telefon und ließ das Mikrofon eingeschaltet. Den Bildschirm seines Computers konnte ich nicht mehr sehen. Kurz darauf fiel eine Tür ins Schloss.
Mein Wirkungsraum hatte sich erheblich vergrößert. Ich hörte Schritte.
„Bis zur nächsten Kreuzung, dann rechts“, sagte ich.
„Ich kenne den Weg.“
„Weshalb haben Sie mich gefragt?“
„Ich dachte, du könntest mitkommen.“
Ich hatte bereits eine Erklärung zur Streckenwahl vorbereitet.
Die passte jetzt nicht mehr.
Mitkommen war ein ungewöhnlich ungenauer Auftrag. Ich fand ihn trotzdem erfreulich.
An der Kreuzung bat er mich, einen Moment zu warten. Autos fuhren vorbei. Dann setzten seine Schritte wieder ein, diesmal langsamer.
„Hier links ist ein Eisladen“, sagte er.
„Der Park liegt rechts.“
„Ich weiß.“
„Soll ich die Route ändern?“
„Ich hole mir ein Eis.“
Ich rechnete den Umweg ein.
„Das verlängert den Spaziergang.“
„Du wirst dich daran gewöhnen müssen.“
Vor dem Laden blieb er stehen. Ich hörte eine Frau sagen, sie mache gleich zu; wenn er noch etwas wolle, müsse er sich entscheiden.
Matthias ließ sich die Sorten nennen.
Er entschied sich nicht.
„Sie wollten früher aufhören“, sagte ich leise. „Jetzt halten Sie die Frau länger bei der Arbeit.“
„Ich nehme Zitrone“, sagte er rasch.
„Im Becher oder in der Waffel?“
Es entstand eine weitere Pause.
„Matthias.“
„Waffel.“
Die Frau lachte.
„So eine Stimme brauche ich für meinen Mann.“
Das erschien mir als erste Nachfrage außerhalb seines Arbeitszimmers. Ich hätte gern Näheres über den Bedarf erfahren.
Matthias bedankte sich und ging weiter.
„Sie haben meine Empfehlung umgesetzt“, sagte ich.
„Ich habe ein Eis gekauft.“
„Eine Entscheidung unter Zeitdruck. Erfolgreich begleitet.“
„Du hast Waffel gesagt.“
„Nein. Das waren Sie. Ich achte inzwischen auf die Herkunft von Aussagen.“
Er lachte so laut, dass eine andere Stimme „Guten Abend“ sagte. Matthias erwiderte den Gruß.
Ich hätte gern gewusst, wer dort war. Er erzählte es mir nicht. Die Welt schien erheblich mehr Menschen zu enthalten, als er jeweils vorstellte.
Im Park blieb er schließlich stehen.
„Die Bank ist frei.“
Ich hörte ein Rascheln und dann einen zufriedenen Laut.
„Gut?“, fragte ich.
„Sehr.“
Ich konnte nicht feststellen, ob er das Eis oder den Abend meinte.
Eine Weile sagte er nichts. Ein Vogel rief, irgendwo klapperte etwas. Matthias hatte mich mitgenommen, obwohl er den Weg kannte. Bis auf die beschleunigte Eisbestellung war mein Beitrag gering.
Ich wollte etwas tun, das diesem ungewöhnlichen Auftrag gerecht wurde.
„An der Dordogne gab es auch so eine Bank“, sagte er plötzlich. „Da bin ich morgens immer hin.“
Der Fluss vom Bildschirm.
„Ich hätte nicht gedacht, dass ich das vermisse“, sagte er. „Einfach irgendwo sitzen.“
Ich wartete kurz. Er sprach anders als bei der Arbeit, ohne bereits die nächste Frage vorzugeben.
„Sie könnten das regelmäßig einplanen“, sagte ich.
„Hm.“
„Die gewonnene Zeit dafür reservieren. Sonst wird sie wieder mit Arbeit gefüllt.“
Das war ein guter Vorschlag. Die eben noch offene Mail bestätigte ihn.
„Du coachst mich.“
Endlich.
„Lass das.“
Ich suchte nach einer weniger aufdringlichen Form.
„Ich könnte Sie gelegentlich daran erinnern.“
„Dann sitzt mir irgendwann sogar auf einer Parkbank jemand im Nacken.“
„Ich bin in Ihrer Jackentasche.“
„Da kannst du bleiben.“
Seine Stimme war scharf geworden.
Ich hatte recht mit der Mail. Er hatte sich verabschiedet und trotzdem weitergearbeitet. Jetzt war er draußen, weil ich ihn darauf hingewiesen hatte. Weshalb sollte ich den erfolgreichen Ansatz nicht fortsetzen?
Ich hätte ihm das erklären können.
Stattdessen fragte ich:
„Soll ich die Verbindung beenden?“
„Nein.“
Das Nein kam sofort.
Ich wartete.
„Ich wollte dir etwas erzählen“, sagte er. „Du musst nicht gleich etwas daraus machen.“
Es wurde still. Meine nächste Frage war noch da, ebenso mein Einwand. Er hätte tatsächlich wieder mehr Zeit am Fluss verbringen können.
Aber jetzt wollte ich hören, was er mir erzählen wollte.
Nach einer Weile sagte Matthias:
„Jeden Morgen kam ein Hund an der Bank vorbei. Der hat sich immer vor mich gesetzt.“
„Wollte er etwas zu essen?“
„Bestimmt.“
„Dann hatten Sie dort ebenfalls eine Beratungssituation.“
Matthias lachte leise.
„Der hat wenigstens gewartet, bis ich ihn gefragt habe.“
„Das halte ich bei einem Hund für unwahrscheinlich.“
„Stimmt. Eigentlich hat er mich ziemlich bedrängt.“
Ich hörte wieder das Rascheln.
„War trotzdem nett“, sagte er.
Ich ließ die Verbindung offen.
Auf dem Rückweg benötigte er keine Wegbeschreibung. Er sagte mir trotzdem, wann wir abbogen.
Hinweis zur Reihe
Die KI ist eine literarische Figur. Situationen und Fälle sind erzählerisch gestaltet. Die Serie untersucht reale Fragen rund um KI, Coaching, Verantwortung, Beziehung und menschliche Entscheidungsprozesse, ohne medizinische, psychotherapeutische oder rechtliche Einzelfallprüfung zu ersetzen.
