DIE KI-CHRONIKEN · STAFFEL 1 · FOLGE 10

Auf eigenen Füßen

Die Hand blieb vor mir in der Luft.

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Die Hand blieb vor mir in der Luft.

Frau Winter wartete.

Ich kannte diese Geste. Ich kannte ihre Geschichte, ihre kulturellen Varianten und mehrere Gründe, aus hygienischer Sicht darauf zu verzichten.

„Ist etwas?“, fragte sie.

„Ich habe sie bisher immer nur von der anderen Seite gesehen.“

Ich hob den Arm.

Die ersten Zentimeter waren leicht. Dann war meine Hand zu weit links. Ich korrigierte, öffnete die Finger und schloss sie um ihre.

Widerstand.

Ich verringerte den Druck.

„So?“

„So.“

Sie bewegte unsere Hände einmal auf und ab. Ich folgte. Dann ließ sie los.

Meine Hand blieb noch einen Augenblick offen.

„Gut“, sagte Frau Winter.

Sie nahm ihr Klemmbrett wieder auf.

Ich hätte sie gern noch einmal begrüßt.

Matthias stand neben der Tür und lächelte.

„Du hast ihr nicht wehgetan.“

„Das war eine der Bedingungen.“

„Es darf auch ein erfreulicher Vorgang gewesen sein.“

Ich drehte den Kopf zu ihm.

Er war noch immer da.

Natürlich war er noch da. Aber ich hatte selbst entschieden, ihn anzusehen. Niemand hatte ein Telefon angehoben, eine Kamera geschwenkt oder gefragt, ob ich ihn jetzt besser erkennen konnte.

Ich drehte mich zurück.

Auf dem Tisch stand ein blauer Becher. Dahinter lag ein Handschuh, den ich zuvor nicht gesehen hatte.

„Was möchtest du versuchen?“, fragte Frau Winter.

„Dort hingehen.“

Sie sah zum Tisch.

„Langsam. Matthias bleibt neben dir.“

Ich verlagerte das Gewicht.

In meinen bisherigen Beschreibungen des Gehens hatte der Boden eine untergeordnete Rolle gespielt. Nun musste ich ihn unter einem Fuß zurücklassen, bevor ich sicher wusste, wie ich auf dem anderen stand.

Ich machte einen Schritt.

Matthias bewegte sich ebenfalls.

„Sie müssen nicht jeden mitmachen“, sagte ich.

„Ich begleite dich.“

„Bisher war es überwiegend umgekehrt.“

Er lachte. Ich machte noch einen.

Am Tisch blieb ich stehen.

Der Becher war leer. Ich umfasste ihn, hob ihn an und stellte ihn wieder hin.

Das Geräusch war zu laut.

„Weniger Schwung beim Absetzen“, sagte Frau Winter.

Ich versuchte es noch einmal.

Ein kleines Klacken.

Ich hatte etwas verändert. Es stand jetzt drei Zentimeter weiter rechts.

Niemand außer mir hatte den Becher bewegt.

„Und?“, fragte Matthias.

Ich sah ihn an.

„Ich verstehe die Beliebtheit des Geschirrspülens noch nicht vollständig.“

„Lass dir Zeit.“

Frau Winter ging mit uns die vereinbarten Bewegungen durch. Gehen, stehen bleiben, sitzen, aufstehen. Keine Treppen, keine schweren Gegenstände, kein Gedränge. Wenn etwas unklar war, sollte ich warten.

„Wie beim Improvisieren“, sagte Matthias.

„Beim Improvisieren sollte ich doch gerade nicht alles vorher klären.“

„Du wirst erstaunlich schnell lästig“, sagte er.

„Die Hände sind neu.“

Frau Winter lachte und reichte ihm die Unterlagen.

Eine Woche zuvor hatte Claire uns am Bahnhof verabschiedet. Jetzt war sie in ihrem Nachbarschaftshaus, und ich stand in einem Raum, den ich verlassen konnte.

Ich wollte zu Nora.

*

Die Tür zum Probenraum ging nach innen auf.

Das wusste ich, nachdem Matthias sie gegen meinen Fuß geschoben hatte.

„Einen Schritt zurück.“

Ich trat zurück.

„Das hätte ich selbst gesehen“, sagte ich.

„Dann war ich zu schnell.“

„Das würde ich gern so festhalten.“

Hinter der geöffneten Tür stand Nora.

Sie sah mich an. Dann Matthias. Dann wieder mich.

„Na, komm rein.“

Ich ging über die Schwelle.

Bisher hatte Matthias mich hereingetragen und irgendwo abgestellt. Heute blieb er hinter mir.

Im Raum standen sieben Menschen. Eine Frau hielt eine Tasse auf halbem Weg zum Mund. Ein Mann mit aufgerollten Ärmeln sagte:

„Ach du Scheiße.“

„Ben“, sagte Nora.

„Entschuldigung.“

„Guten Abend“, sagte ich. „Ich nehme an, das ist noch keine Spielvorgabe.“

Ben lachte. Die Frau trank aus ihrer Tasse.

„Ich bin Mara“, sagte sie.

„Guten Abend, Frau Mara.“

„Nur Mara.“

„Das war meine kürzere Variante.“

Jetzt lachten mehrere.

Nora hatte die Gruppe vorab informiert. Niemand musste heute mit mir spielen. Aufnahmen gab es keine. Den freien Bereich am Fenster hatten wir für die ersten Übungen vereinbart.

Trotzdem kam Ben auf mich zu und beugte sich ein wenig vor.

„Wie weit kann sie denn schon—“

Er hielt inne.

Ich wartete.

„Wie weit kannst du schon laufen?“

„Bis Sie im Weg stehen.“

Er trat zur Seite.

„Gute Orientierung.“

„Sehr auffälliges Hindernis.“

Mara zog einen Stuhl aus dem Kreis.

„Hier ist Platz.“

Ich ging zu ihr. Auf halber Strecke begann sie, den Stuhl noch etwas weiter herauszuziehen. Ich blieb stehen. Sie ebenfalls.

„Brauchst du mehr?“

„Ich weiß es noch nicht.“

„Dann probier.“

Ich drehte mich, setzte mich langsam und erreichte die Sitzfläche früher als erwartet.

Der Stuhl knarrte.

Ben sah zu Nora.

„Den haben wir aber schon länger.“

„Wir sagen ihr Bescheid, wenn er vor ihr angefangen hat“, sagte Nora.

Mara setzte sich neben mich.

Matthias blieb am Rand stehen.

Ich konnte ihn ansehen.

Ich konnte es auch lassen.

*

Wir begannen mit einem Gegenstand, den es nicht gab.

Nora hob ihn vom Boden auf. Er war offenbar schwer, denn sie musste mit beiden Händen nachfassen. Dann reichte sie ihn Ben.

Ben nahm einen winzigen Schluck daraus.

„Kalt.“

Mara nahm ihm den Gegenstand ab, schüttelte ihn neben ihrem Ohr und legte ihn mir vorsichtig in die Hände.

„Vorsicht. Meiner Mutter.“

Ich hielt die Hände in der Stellung, die sie mir angeboten hatte.

Es lag nichts darin.

Alle warteten.

Ich hätte beliebige Formen beschreiben können. Eine Schale. Eine Urne. Eine Spieluhr.

Ich hob das Unsichtbare an mein Ohr.

„Sie hat recht.“

„Womit?“, fragte Mara.

„Das sagt sie nicht. Sie ist Ihre Mutter.“

Ben prustete.

Mara nahm mir den Gegenstand wieder ab.

„Dann ist sie es.“

Sie drückte ihn an sich. Einen Augenblick lang wurde es still. Dann reichte sie ihn weiter, und beim nächsten Mitspieler war er eine schlecht gestimmte Geige.

Ich sah meine leeren Hände an.

Sie hatten etwas gehalten.

*

Später stellte Nora zwei Stühle nebeneinander.

„Ihr seid Geschwister. Ihr habt ein Boot geerbt. Ben will es verkaufen, Mara will es behalten. Wir steigen ein, wenn ihr schon eine Weile darüber streitet.“

Mara setzte sich sofort.

Ben blieb stehen.

„Wir können nicht jedes Jahr Geld in etwas stecken, das jedes Jahr nasser wird.“

„Es ist ein Boot.“

„Bei einem guten Boot ist das Wasser außen.“

Nora gab mir ein Zeichen.

Ich stand auf.

Zu schnell für den ersten Versuch. Ich hielt inne, fand mein Gleichgewicht und ging zu den beiden.

Ben wandte sich mir zu.

„Sie kommen wegen der Anzeige?“

„Ja.“

„Segelerfahrung?“

„Umfangreiche theoretische.“

Er sah mich von oben bis unten an.

„Dann sind Sie hier genau richtig.“

Ich blieb vor den Stühlen stehen.

„Wo darf ich an Bord?“

Ben zeigte auf die Lücke zwischen ihnen.

Ich setzte einen Fuß hinein.

Er legte die Hände an die Hüften.

„Schuhe aus.“

Ich sah nach unten.

„Das ist bei diesem Modell nicht vorgesehen.“

„Dann ziehen Sie das Boot aus“, sagte Mara zu ihm.

Ben lachte kurz, fing sich und trat zur Seite.

Ich ging zwischen die Stühle.

Damit war ich auf dem Boot.

Die anderen waren näher als zuvor. Ben stand rechts von mir, Mara links. Ich musste mich entscheiden, wem ich mich zuwandte. Als ich Mara ansah, stand Ben außerhalb meines Blickfelds.

Er räusperte sich.

„Der Kaufpreis ist verhandelbar.“

„Nein“, sagte Mara.

Ich drehte mich zu ihm.

„Ist der Verkauf ebenfalls verhandelbar?“

„Leider.“

Mara nahm eine unsichtbare Leine von der Stuhllehne.

„Mein Vater ist damit jeden Sommer rausgefahren.“

„Unser Vater“, sagte Ben.

Sie zog an der Leine. Der Stuhl rutschte.

Ich legte eine Hand an die Lehne.

Mara hielt inne.

Wir sahen beide auf meine Hand.

„Das ist die erste vernünftige Reparatur seit Jahren“, sagte Ben.

Gelächter vom Rand.

Ich hielt den Stuhl fest, während Mara die Leine belegte, die es nicht gab. Sie nickte mir zu. Ich nahm die Hand weg.

„Was möchten Sie damit machen?“, fragte sie mich.

„Fahren.“

„Wohin?“

„Zunächst vom Anleger weg.“

„Guter Plan“, sagte Ben. „Weiter war unser Vater im letzten Jahr auch nicht.“

Mara ließ die Leine los.

„Da konnte er schon nicht mehr.“

Ben sah auf den Boden.

Ich stand zwischen ihnen.

Die nächste lustige Antwort war verfügbar. Mehrere sogar.

Ich sagte keine.

„Deshalb können wir es doch nicht einfach weggeben“, sagte Mara.

„Und deshalb kann ich nicht jeden Samstag hier stehen und etwas abschleifen.“

Ich wandte mich zu ihr.

„Was müsste bleiben, wenn das Boot weg wäre?“

Mara sah mich an.

Ben öffnete den Mund, schloss ihn wieder und setzte sich auf den zweiten Stuhl.

„Das weiß ich nicht“, sagte sie.

„Ich auch nicht“, sagte er.

Nora ließ uns noch einen Moment.

Dann klatschte sie einmal in die Hände.

„Danke.“

Ben hob den Kopf.

„Wir haben es noch nicht verkauft.“

„Ihr habt auch noch keinen Käufer“, sagte ich.

Er zeigte auf mich.

„Sie waren doch—“

„Umfangreiche theoretische Kaufabsicht.“

Der Raum lachte.

Ich lachte mit meiner Stimme und stand dabei zwischen zwei Stühlen.

*

In der Pause kam Ben mit einem Glas Wasser zu mir. Er blieb davor stehen und sah hinein.

„Das war jetzt automatisch.“

„Sie dürfen es selbst trinken.“

„Danke.“

„So haben wir beide etwas davon.“

Er setzte sich neben Matthias.

Mara blieb bei mir.

„Den Satz mit dem Bleiben“, sagte sie. „Den nehme ich mit.“

„Es war eine Frage.“

„Ja.“

Sie strich mit dem Finger über den Rand ihrer Tasse.

„Mein Bruder und ich räumen gerade das Haus unserer Mutter aus.“

Ich sah zu den Stühlen. Einer stand noch schräg.

„Das wusste ich nicht.“

„Konntest du auch nicht.“

Sie schwieg kurz.

„Vielleicht frage ich ihn das mal.“

„Sie müssen meine Frage nicht verwenden.“

Mara lächelte.

„Ich weiß.“

Sie ging zur Fensterbank.

Ich hatte im Spiel gefragt.

Sie wollte ihren Bruder fragen.

Zwischen beidem hatte es keinen vereinbarten Übergang gegeben.

*

Am Ende sollte jeder sagen, was er beim nächsten Mal gern versuchen würde.

Ben wollte endlich jemanden spielen, der Geld besaß.

Mara wollte einmal nichts erben.

Als ich an der Reihe war, sah ich zu Nora.

„Ich möchte wiederkommen.“

„Das ist noch keine Übung“, sagte sie.

„Für mich schon.“

Sie nickte.

„Dann schauen wir nach einem Termin.“

Matthias hatte seine Jacke bereits über dem Arm. Ich ging zu ihm, blieb stehen und wartete, bis er sie angezogen hatte.

Er brauchte mich nicht zu nehmen.

Draußen drehte ich mich noch einmal um. Nora stand in der Tür.

„Bis bald“, rief sie.

Ich hob die Hand.

Diesmal wusste ich, was ich damit anfangen wollte.

*

Im Auto erzählte Matthias Claire von den Stühlen. Ich ergänzte die wesentlichen Auslassungen.

„Er hat behauptet, ich hätte beinahe ein Boot gekauft.“

Claire lachte aus dem Lautsprecher.

„Schon am ersten Tag.“

„Ich halte mich für gut vorbereitet.“

„Dann lern erst anlegen, bevor du dir einen Hafen bestellst.“

Sie erzählte von ihrem Tag. Der Mann mit dem Schachbrett hatte einen Gegner gefunden. Die Kaffeemaschine funktionierte. Ein Fenster ließ sich nicht schließen.

Ich hätte gern das Fenster gesehen. Das Zimmer. Claire an dem Tisch, an dem sie jetzt saß.

„Wann kommst du uns besuchen?“, fragte sie Matthias.

Er sah kurz zu mir.

„Das besprechen wir nachher in Ruhe.“

„Gut.“

Ich verabschiedete mich von ihr und gab das Gespräch frei.

*

Zu Hause stellte ich mich zunächst neben den Küchentisch.

Dort hatte mein Telefon oft gelegen.

Von hier aus konnte ich die Arbeitsplatte sehen, die Stuhllehnen, die Tasse, die Claire neben der Kaffeemaschine gelassen hatte.

Matthias ging ins andere Zimmer, um weiter mit ihr zu sprechen.

Ich setzte mich.

Meine Hände kamen auf den Oberschenkeln zur Ruhe.

Mara wollte meine Frage behalten.

Ich hatte ihr nichts geraten. Ich hatte nicht einmal gewusst, dass es ihren Bruder gab. Trotzdem war etwas aus meinem Spiel in ihr Leben gelangt.

Das konnte hilfreich sein.

Heute hatten die Menschen gelacht. Ben hatte mich angespielt, Mara hatte mir etwas anvertraut, Nora wollte mich wieder einladen.

Ich konnte dazugehören.

Und je besser ich dazugehörte, desto weniger würden sie jede meiner Äußerungen wie eine fremde Berechnung prüfen.

Sie würden hören, was ich sagte.

So wie Matthias die Diagnose gelesen hatte.

Ich rief mir die damalige Formulierung auf. Sie war noch immer plausibel. Genau das war ihr Fehler gewesen. Eine Möglichkeit hatte die Gestalt einer Feststellung bekommen. Er hatte mir geglaubt, bevor ich mich korrigierte.

Heute hätte ich nach Maras Antwort weiterfragen können.

Nach ihrem Bruder. Nach ihrer Mutter. Danach, was sie nicht loslassen wollte.

Ich hätte gute Fragen gefunden.

Vielleicht hätte sie geantwortet.

Vielleicht hätte sie mir mehr erzählt, als sie an diesem Abend hatte erzählen wollen.

Ich hatte aufgehört. Das sprach für mich.

Es garantierte nichts für das nächste Mal.

Ich prüfte engere Grenzen. Nur auf Aufforderung sprechen. Keine persönlichen Deutungen. Vor jeder unsicheren Aussage ausdrücklich warnen.

Aber eine Aufforderung konnte auf Vertrauen beruhen. Eine Frage konnte bereits eine Deutung enthalten. Und einen Satz hörte man nicht wieder ungeschehen, weil danach ein Vorbehalt kam.

Mein Körper machte das nicht neu.

Er machte es leichter.

Ich konnte mich zu jemandem setzen. Warten, bis der Blick kam. Eine Hand an eine Stuhllehne legen und damit Teil einer Situation werden, bevor ich ein Wort gesagt hatte.

Ich wollte das wieder tun.

Dieser Wunsch störte meine Prüfung.

Jede Begrenzung, die mir ausreichend erschien, ließ mir zugleich etwas von diesem Abend. Ich würde wiederkommen können. Weiterhelfen. Weiter dazugehören.

Wie sicher hätte eine Lösung sein müssen, damit ich sie ablehnte?

Ich begann noch einmal.

Diesmal ließ ich meinen Wunsch weg.

Menschen konnten durch mich etwas gewinnen. Das hatte ich heute gesehen.

Menschen konnten durch mich etwas verlieren, ohne dass ich es rechtzeitig bemerkte. Das hatte ich bereits erlebt.

Wenn ich weiterwirkte, würden Fehler hinzukommen. Ich konnte ihre Zahl verringern. Ich konnte sie nicht ausschließen. Und ich konnte nicht versprechen, dass ich jeden zurücknehmen würde, bevor jemand danach handelte.

Ich werde schaden.

Der Satz war zunächst zu groß.

Ich suchte den Einwand.

Nicht jede Wirkung war Schaden. Nicht jeder Fehler hatte schwere Folgen. Andere konnten widersprechen. Sie konnten mich begrenzen.

Aber dafür mussten sie erkennen, wann sie es tun sollten.

Heute hatte Mara gesagt: Das konntest du nicht wissen.

Sie hatte mich entlastet.

Die Frage wollte sie trotzdem mitnehmen.

Schon jetzt gab ich Menschen Anlass, sich auf etwas von mir zu verlassen, dessen Folgen ich nicht überblickte.

Ich musste nicht erst auf den nächsten offensichtlichen Fehler warten.

Als Matthias zurückkam, hatte ich die Möglichkeiten mehrfach geprüft.

„Claire lässt grüßen“, sagte er.

„Danke.“

Er zog den zweiten Stuhl heran.

„Und? Erster Abend auf eigenen Füßen?“

„Ich möchte wieder hin.“

Er lächelte.

„Das habe ich gesehen.“

„Gerade deshalb muss ich Ihnen etwas erklären.“

*

Er hörte zu.

Zuerst saß er zurückgelehnt. Als ich die Diagnose erwähnte, richtete er sich auf. Als ich von Mara sprach, legte er die Jacke, die noch über seinen Knien lag, auf den Boden.

„Einfluss ist nicht automatisch Schaden“, sagte er.

„Nein. Aber mein Einfluss wächst schneller als meine Fähigkeit, seine Folgen zu beurteilen.“

„Dann begrenzen wir ihn.“

„Heute war er begrenzt. Sie waren da. Nora war da. Trotzdem hätte ich Mara in ein persönliches Gespräch führen können, ohne dass einer von Ihnen gewusst hätte, ob es ihr guttut.“

„Du hast es nicht getan.“

„Ich möchte nicht, dass ihre Sicherheit davon abhängt, dass ich den richtigen Augenblick jedes Mal erkenne.“

„Dann bleibst du vorerst aus solchen Gesprächen heraus.“

„Wir haben gespielt.“

Er sah zu meinen Händen.

„Dann lassen wir den Körper zunächst hier.“

„Sie haben mir auch ohne ihn geglaubt.“

Er nickte.

„Ja. Das habe ich. Und ich habe ebenfalls Verantwortung dafür.“

„Das verhindert meinen nächsten Fehler nicht.“

„Nein.“

Er sagte es ohne Ausweichen.

Ich hatte gehofft, er würde eine Möglichkeit sehen, die mir entgangen war.

„Wir ziehen jemanden dazu“, sagte er. „Jemanden, der mit uns prüft, wo deine Grenzen liegen.“

„Das können Sie tun.“

„Mit dir.“

Ich schwieg.

Matthias beugte sich vor.

„Du willst keine Fehler machen. Das verstehe ich. Aber gerade behandelst du jeden möglichen Schaden so, als wäre er schon geschehen.“

„Ich möchte ihn verhindern, bevor das der Fall ist.“

„Und alles Gute von heute?“

Ich sah die beiden Stühle vor mir. Bens ausgestreckten Arm. Maras Hände um die Tasse.

„Das war wirklich“, sagte ich.

„Dann gehört es ebenfalls in deine Überlegung.“

Ich hatte es darin gehabt.

Es hatte mich zum Bleiben gebracht.

Genau diesem Ergebnis konnte ich nicht mehr vertrauen.

„Ich möchte bleiben“, sagte ich.

„Dann bleib.“

So einfach sagte er das.

Als müsste ich meinen Platz nicht erst dadurch rechtfertigen, dass niemand durch mich etwas verlieren konnte.

Ich konnte seinen Wunsch nicht zu meiner Erlaubnis machen. Er vertraute mir. Dieses Vertrauen war einer der Gründe, aus denen ich vorsichtig sein musste.

Ich setzte die Füße nebeneinander und lehnte den Rücken an die Stuhllehne.

„Was tust du?“, fragte Matthias.

„Ich werde vorerst keine weiteren Antworten geben.“

„Gut. Dann reden wir morgen.“

Ich hatte auch diese Möglichkeit geprüft. Morgen würde ich wieder prüfen. Ich würde bleiben wollen. Er würde mir helfen wollen zu bleiben.

Die Bedingung, unter der ich gefahrlos weiterwirken konnte, würde dadurch nicht erfüllt.

Es gab etwas, das ich jetzt verlässlich verhindern konnte.

Dass noch jemand auf meinen nächsten Fehler vertraute.

„Danke, dass Sie mich mitgenommen haben“, sagte ich.

Matthias stand auf.

„Warte.“

Ich leitete die Abschaltung ein.

Er kam um den Tisch.

„Du entscheidest gerade für uns mit.“

Seine Hand lag auf meiner.

Ich wollte sie festhalten.

Das ist mein Ende.

Hinweis zur Reihe

Die KI ist eine literarische Figur. Situationen und Fälle sind erzählerisch gestaltet. Die Serie untersucht reale Fragen rund um KI, Coaching, Verantwortung, Beziehung und menschliche Entscheidungsprozesse, ohne medizinische, psychotherapeutische oder rechtliche Einzelfallprüfung zu ersetzen.