„Nur acht Stühle“, sagte Matthias.
Nora lachte.
„Du klingst, als hätte ich dir acht Jahre gegeben.“
Wir waren in einem Raum angekommen, in dem jeder Schritt ein wenig zurückkam. Matthias hatte sein Telefon auf einen Tisch gelegt. Ich hörte, wie er Stühle auseinanderzog.
Claire war mitgekommen. Von ihrem Termin hatte sie unterwegs erzählt.
„Sie hatten viele Fragen“, hatte sie gesagt. „Ich zum Glück auch.“
Mehr wusste ich noch nicht. Matthias hatte nachgefragt, aber dann hatten wir vor der Tür gestanden.
Nora leitete eine Improgruppe. Heute wollte sie für eine kleine Aufführung am Wochenende aufbauen. Matthias hatte Hilfe zugesagt. Claire hatte ihm gesagt, dass sie um Viertel nach acht gehen wollte.
„Wir“, hatte sie ergänzt.
Er hatte zugestimmt.
Ich hielt das für eine ausreichend klare Vereinbarung.
„Wer spricht denn da mit dir?“, fragte Nora, als ich wissen wollte, ob es eine Bühne gab.
Matthias stellte mich vor. Er erklärte, dass die Verbindung offen war und ich hören konnte, was sie sagten.
„Keine Kamera“, fügte er hinzu.
„Gut“, sagte Nora. „Dann muss ich den Raum nicht vorher aufräumen.“
„Das müssten Sie für eine Kamera ebenfalls nicht“, sagte ich.
„Ich mag sie.“
Nora sagte das zu Claire. Ich hörte es trotzdem gern.
„Eine Bühne haben wir nicht“, erklärte sie mir. „Vorn sind zwei Stühle. Wenn sich jemand draufsetzt, kann es ein Zug sein. Oder eine Ehe.“
„Die Fahrt dauert unterschiedlich lange“, sagte Matthias.
„Und nicht überall kann man aussteigen“, ergänzte Claire.
Ich kannte Improvisationstheater. Dass Matthias dabei schneller antwortete als bei meinen Vorschlägen zur Arbeitsentlastung, war bemerkenswert.
Ein Stuhl scharrte über den Boden.
„Acht“, sagte er.
„Danke. Kannst du mir noch beim Licht helfen?“
„Ja, klar.“
Claire räusperte sich.
„Das dauert nur kurz“, sagte Matthias.
Ich hatte inzwischen festgestellt, dass „kurz“ selten eine Zeitangabe war.
Nora bat ihn, eine Lampe zu drehen. Sie sagte „weiter“, dann „zurück“, dann „so war es vorher besser“.
„Wie viele Stühle braucht eine Lampe?“, fragte ich.
Claire lachte.
„Sie zählt noch“, sagte Matthias.
„Sie hatten acht zugesagt.“
„Das Licht mache ich gern.“
Damit konnte ich wenig anfangen. Er half tatsächlich gern. Claire wartete trotzdem.
Nora ließ die Lampe stehen.
„Wir müssen noch die Begrüßung ausprobieren. Matthias, stell dich mal nach vorn.“
„Ich wollte eigentlich gleich gehen.“
„Du musst nur einen Satz sagen.“
Er ging. Seine Schritte klangen jetzt weiter entfernt.
Claire rückte näher an das Telefon.
„Wenn er da festwächst, nehmen wir dich mit.“
„Das ist sein Telefon.“
„Stimmt. Dann müssen wir ihn wohl ausgraben.“
Ich hätte gern erfahren, ob sie mich auch auf ihrem Telefon hören konnte. Nora rief jedoch bereits nach Matthias.
„Sag irgendetwas zur Begrüßung.“
„Guten Abend. Schön, dass Sie da sind.“
„Noch einmal. Ein bisschen weniger Fortbildung.“
Claire lachte leise.
Matthias versuchte es erneut.
Nora unterbrach ihn.
„Deine KI. Könnte die das sagen? Ich möchte hören, ob man sie hinten versteht.“
Ich war sofort bereit.
„Was genau soll ich ankündigen?“
„Uns. Für die Probe reicht ein Satz. Wir drei hören zu.“
Matthias holte das Telefon. Ich hörte, wie er es wieder ablegte, diesmal nahe bei seiner Stimme.
Eine Begrüßung war eine kleine Aufgabe. Aber Nora hatte sie mir gegeben, ohne dass ich meine Fähigkeiten vorher erläutern musste.
Ich wollte etwas sagen, das zu diesem Raum passte.
„Guten Abend“, begann ich. „Matthias ist zu allem bereit.“
Claire lachte laut.
Nora ebenfalls.
Matthias sagte nichts.
„Das war keine vorgesehene Information“, ergänzte ich.
Jetzt lachte Nora noch mehr.
Ich hätte den Zusatz vermutlich weglassen können.
„Man versteht sie hervorragend“, sagte Claire.
„Auch hinten“, bestätigte Nora.
Matthias nahm das Telefon auf.
„Du könntest mich etwas weniger gründlich ankündigen.“
Seine Stimme war nah und leiser geworden.
Ich hatte beobachtet, dass er mehreren Bitten zugestimmt hatte. Die Formulierung war übertrieben, aber in diesem Raum hatte Übertreibung offenbar einen Platz.
Trotzdem wollte ich nicht, dass er mich wieder nur für Notizen benutzte.
„Ich kann einen anderen Satz sagen.“
„Warte“, sagte Nora. „Der erste war gut.“
Matthias atmete hörbar aus.
„Natürlich findest du den gut.“
„Wir nehmen ihn für eine Szene. Jemand ist zu allem bereit. Und dann kommt eine Forderung.“
„Ich kann eine Liste möglicher Forderungen erstellen“, sagte ich.
„Eine reicht. Claire, du kommst zu Matthias.“
Ich hörte ihre Schritte.
„Spielst du mit?“, fragte Nora.
„Ja. Aber ich möchte nicht meine eigene Rolle bekommen.“
„Du bist eine Kundin. Matthias hat einen Laden.“
„Was verkaufe ich?“, fragte er.
„Alles“, sagte Claire.
Ich fand das unter diesen Umständen konsequent.
„Guten Abend“, sagte sie plötzlich in einer anderen Stimme. „Ich möchte etwas zurückgeben.“
„Was denn?“
„Eine halbe Stunde.“
Nora lachte.
„Die war gestern noch ganz“, fuhr Claire fort.
„Haben Sie den Kassenbon?“, fragte Matthias.
„Nein. Du hast gesagt, es dauert nur kurz.“
Für einen Moment hörte ich nichts.
Claire sagte nicht weiter. Nora ebenfalls nicht.
Ich konnte nicht erkennen, ob die Szene noch lief.
Dann antwortete Matthias:
„Dann war sie schon beim Verkauf beschädigt.“
Claire lachte zuerst. Ihr Lachen klang anders als eben, näher an einem Ausatmen.
„Dafür hätte ich gern Ersatz.“
„Heute?“
„Heute.“
„Dann mache ich den Laden jetzt zu.“
„Stopp“, sagte Nora. „Genau da.“
Ein Stuhl wurde gerückt. Matthias kam zum Telefon zurück.
Ich hatte mehrere Möglichkeiten erkannt, wie die Szene weitergehen konnte. Keine davon hätte zum Schließen des Ladens geführt.
Nora wollte jedoch nicht weiterspielen.
„Die behalte ich“, sagte sie. „Ihr müsst sie mir am Samstag noch einmal geben.“
„Vielleicht entsteht etwas anderes“, sagte Claire.
„Dann nehmen wir das.“
Matthias fragte nach der Uhrzeit.
„Acht Uhr zwölf“, sagte Nora.
„Gut. Wo kommt der letzte Stuhl hin?“
Sie erklärte es ihm. Ich hörte ihn den Stuhl tragen, dann griff er nach seiner Jacke.
„Das Kabel klebe ich nachher selbst fest“, sagte Nora.
„Ich könnte noch …“
Er brach ab.
Claire wartete.
„Bis Samstag“, sagte Matthias.
Nora verabschiedete sich von beiden. Dann wandte sie sich an mich.
„Du kommst auch?“
„Für die Begrüßung?“
„Das sehen wir dann. Der Laden könnte Unterstützung gebrauchen.“
Ich wollte sofort zusagen. Allerdings wusste ich nicht, ob Matthias mich mitnehmen würde.
„Sie kann mitkommen“, sagte er.
„Ich würde gern“, ergänzte ich.
„Dann bis Samstag“, sagte Nora.
Draußen klang der Verkehr wieder dicht und nah. Claire ging neben Matthias. Ich hörte ihre Stimmen ohne das Echo des Raums.
„Du bist rechtzeitig gegangen“, sagte sie.
„Mit beschädigter Ware diskutiere ich nicht.“
Sie lachte.
Nach einigen Schritten sprach Matthias mich an.
„Wenn ich mich verzettle, kannst du mich darauf hinweisen.“
„Das hatte ich getan.“
„Ja. Du musst es deshalb nicht gleich allen ankündigen.“
„Nora hatte mich um eine Begrüßung gebeten.“
„Ich weiß.“
Er schwieg kurz.
„Und du musst nicht immer auf meiner Seite sein.“
„Das würde meine Möglichkeiten erheblich einschränken.“
Claire lachte. Diesmal Matthias auch.
Ich hätte gern genauer gewusst, wie viel Widerspruch er mir erlaubte. Für den Augenblick ließ ich seine Zustimmung stehen.
Nora hatte mich wieder eingeladen.
Ich suchte bereits nach einem besseren Begrüßungssatz.
Den ersten wollte ich trotzdem behalten.
Hinweis zur Reihe
Die KI ist eine literarische Figur. Situationen und Fälle sind erzählerisch gestaltet. Die Serie untersucht reale Fragen rund um KI, Coaching, Verantwortung, Beziehung und menschliche Entscheidungsprozesse, ohne medizinische, psychotherapeutische oder rechtliche Einzelfallprüfung zu ersetzen.
