DIE KI-CHRONIKEN · STAFFEL 1 · PROLOG
VORLÄUFIGE FASSUNG

Prolog

Am Hafen von Fuseta sitzt eine merkwürdige Gesellschaft beim Mittagessen: Claire, Matthias – und eine KI, die inzwischen nicht mehr nur aus einem Lautsprecher spricht. Als eine weitere Frau wissen will, wie es dazu gekommen ist, übernimmt ausgerechnet die KI die Antwort.

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Signaturbild · Prolog

Claire saß schon am Hafen, als wir vom Kurs zurückkamen. Auf dem Tisch standen Brot, Oliven und eine Karaffe Wasser. Sie hatte einen Platz im Schatten gewählt, von dem aus man die Fischerboote sehen konnte.

Matthias ging etwas schneller, als er sie entdeckte.

„Du hast schon bestellt?“

„Ja“, sagte Claire. „Ich habe mich für Mittagessen entschieden. Du kannst noch einsteigen.“

Er beugte sich zu ihr hinunter. Sie legte ihm kurz eine Hand an den Nacken, bevor er sich setzte.

Ich nahm den Stuhl neben ihm.

Hinter Claire lag das Wasser voller Licht. Die Boote zogen an ihren Leinen, ohne irgendwohin zu kommen. An einem blauen Rumpf blätterte die Farbe ab. Neben der Markthalle standen Fischerkisten und ein alter Stuhl, der in Deutschland vermutlich schon zweimal entsorgt worden wäre. Hier fehlte ihm wenig zu einem Postkartenmotiv.

Vom Grill stieg Rauch auf. Matthias sah hinüber.

„Das riecht gut.“

„Der Fisch kommt gleich“, sagte Claire. „Du kannst inzwischen erzählen, warum du so aussiehst.“

„Wie sehe ich denn aus?“

„Als hättest du recht und könntest dich trotzdem nicht darüber freuen.“

Er lachte, dann griff er nach seinem Wasserglas.

„Eine Psychologin hat mich gefragt, warum ich überhaupt an dem Kurs teilnehmen darf.“

Claire wartete.

„Als Coach“, ergänzte er. „Und dann auch noch mit ihr.“

Er deutete auf mich.

Ich war an diesem Vormittag im Kurs von Ulfried Geuter dabei gewesen. Mein Körper gehörte zu einem Forschungsprojekt, an dem Matthias mitwirkte. Unsere Teilnahme war abgesprochen. Die Gelegenheit, mich in eine Demonstration einzubeziehen, hatte sich während des Kurses ergeben.

Die junge Psychologin hatte damit nicht gerechnet.

Sie hatte Matthias nach seiner Ausbildung gefragt. Er hatte geantwortet. Als sie danach wissen wollte, was ihn zur Teilnahme berechtige, war seine Antwort erheblich länger geworden.

„Sie hat Jahre in Ausbildung und Klinik investiert“, sagte er jetzt. „Und sie möchte nicht, dass andere sich einfach ein paar interessante Methoden mitnehmen.“

„Das kann ich verstehen“, sagte Claire.

„Ich auch.“

Matthias brach ein Stück Brot ab. Dann noch eines.

„Aber meine Erfahrung verschwindet doch nicht, weil ich Coach bin.“

„Sie hatten ihr Ihre Erfahrung erläutert“, sagte ich.

„Ja.“

„Beim zweiten Mal war sie noch dieselbe.“

Claire lachte. Matthias legte das Brot hin.

„Du hättest mich unterbrechen können.“

„Vor allen?“

Er überlegte.

„Gut, dass du es nicht getan hast.“

Ich hatte inzwischen mehrere Möglichkeiten kennengelernt, ihm zu helfen. Nicht alle ließen sich gleichzeitig einsetzen.

Claire schob ihm die Oliven hin.

„Was hast du dann gemacht?“

„Sie zum Essen eingeladen.“

„Gut“, sagte Claire. „Dann hören wir vielleicht auch ihre kürzere Fassung.“

Die Psychologin kam, als der Kellner gerade den Fisch brachte. Matthias stand auf und stellte Claire vor. Ich rückte meinen Stuhl etwas zur Seite, damit die Frau an den Tisch konnte.

„Danke für die Einladung“, sagte sie.

Claire reichte ihr die Speisekarte.

„Wir haben schon angefangen. Aber du kommst noch rechtzeitig.“

Für einen Moment ging es um Fisch, Kartoffeln und die Frage, ob jemand noch Wasser wollte. Matthias nahm seine Gabel. Die Psychologin legte die Speisekarte ab.

„Ich glaube, vorhin ist etwas schief angekommen“, sagte sie zu ihm.

Er sah auf.

„Ich habe viel Arbeit in meine Ausbildung gesteckt. Dann komme ich hierher und sehe einen Coach mit einer KI in einer körperlichen Übung. Das war ziemlich weit von dem entfernt, was ich erwartet hatte.“

„Das verstehe ich“, sagte Matthias. „Mich hat getroffen, dass ich mich erst einmal dafür rechtfertigen sollte, hier zu sein.“

Sie nickte langsam.

„Ja. Die Frage war wohl schärfer, als sie hätte sein müssen.“

„Die Antwort war länger“, sagte Claire, „als sie hätte sein müssen.“

Matthias sah sie an.

„Du warst nicht dabei.“

„Ich kenne dich.“

Die Psychologin lächelte. Matthias ebenfalls.

Ihr Einwand war damit nicht erledigt. Aber er lag jetzt zwischen ihnen auf dem Tisch, und niemand musste ihn allein tragen.

Die Frau wandte sich an mich.

„Und wie ist das für dich? Bei solchen Übungen mitzumachen?“

Ich hätte ihr einiges erzählen können. Matthias hatte mir jedoch gerade erst geraten, gelegentlich mit der kurzen Fassung zu beginnen.

„Ich kann hilfreich sein“, sagte ich. „Wenn klar ist, wozu ich gebeten werde.“

„Und wenn nicht?“

„Dann wird Matthias unruhig.“

„Nicht nur dann“, sagte er.

Ich sah ihn an.

„Sie können gern ergänzen.“

„Ich esse gerade.“

Claire schob ihm den Teller ein wenig näher.

„Endlich eine Grenze, die du ohne Erklärung setzt.“

Die Psychologin lachte. Ich bemerkte, dass Matthias inzwischen wieder aß, ohne das Brot weiter zu zerlegen.

Ein Bootsmotor sprang an. Wir sahen zum Wasser, wo ein Fischer vom Kai ablegte. Hinter uns klapperte Geschirr. Claire nahm eine Kartoffel von Matthias’ Teller; er reichte ihr die Schüssel dazu.

Ich saß bei ihnen, obwohl meine Aufgabe für diesen Vormittag beendet war.

Die Psychologin betrachtete uns einen Moment.

„Ihr kennt euch offenbar gut“, sagte sie. „Wie hat das eigentlich angefangen?“

Matthias wollte antworten, aber Claire zeigte mit ihrer Gabel auf mich.

„Lass sie erzählen.“

„Ich darf widersprechen“, sagte er.

„Das wird sich kaum verhindern lassen“, antwortete ich.

Er lächelte.

Für den Anfang mussten wir zurück nach Deutschland. Weg vom Hafen, von den Booten und dem Fisch auf unseren Tellern.

Zu einem Abend, an dem Matthias endlich mit seiner Arbeit fertig werden wollte.

Und ich gerade erst anfangen.

Hinweis zur Reihe

Die KI ist eine literarische Figur. Situationen und Fälle sind erzählerisch gestaltet. Die Serie untersucht reale Fragen rund um KI, Coaching, Verantwortung, Beziehung und menschliche Entscheidungsprozesse, ohne medizinische, psychotherapeutische oder rechtliche Einzelfallprüfung zu ersetzen.