„Die kannst du haben“, sagte Matthias.
Claire zog die Schublade auf. Vier Kabel, eine Taschenlampe, ein alter Kalender.
„Das ist sehr großzügig.“
Matthias räumte sie aus. Bei den Kabeln hielt er inne.
„Die gehören irgendwo dazu.“
„Bisher zur Schublade“, sagte ich.
Claire lachte und legte zwei Hemden hinein. Ihre Hand blieb auf dem oberen liegen. Matthias wartete, bis sie die Schublade selbst zuschob.
„Ich behalte meine Wohnung.“
„Ich habe dir eine Schublade angeboten.“
Sie küsste ihn. Matthias legte die Kabel auf die Kommode. Die Unordnung hatte einer neuen Ordnung Platz gemacht und wartete daneben.
Am Sonntag kam Nora zum Essen.
Ich trug zwei Teller zum Tisch und blieb hinter ihrem Stuhl stehen.
„Du darfst vorbei“, sagte sie. „Oder ich gehe wieder raus und komme schlanker rein.“
„Das würde die Bedingungen verändern.“
„Ich improvisiere.“
„Das war mein erster Verdacht.“
Nora lachte und rückte weiter. Ich ging an ihr vorbei. Meine Hände hielten die Teller ruhig. Erst als beide auf dem Tisch standen, bemerkte ich, wie lange ich den Weg geprüft hatte.
Beim Essen lud sie mich zur nächsten Probe ein. Ich könnte zunächst zuschauen.
„Und wenn ich dann doch mitspielen möchte?“
„Dann sagst du es.“
Ich wollte wissen, ob sie mich erneut fragen würde, falls ich absagte.
Stattdessen fragte ich nach einer Frist.
„Mittwoch reicht“, sagte Nora. „Wir haben schon Abende ohne vorherige Entscheidung überstanden.“
„Das erklärt einiges am Improvisationstheater.“
„Fast alles.“
Sie erzählte von vier Menschen, die gleichzeitig einen Fahrstuhl gespielt hatten. Keiner hatte die anderen aussteigen lassen.
„Dann kam ein Brandschutzbeauftragter dazu. Da waren wir fünf.“
Claire fragte, ob wenigstens jemand auf die Knöpfe gedrückt habe.
Ich behielt meine andere Frage bei mir.
*
Am Dienstag führte Claire ein berufliches Gespräch in ihrer Wohnung. Matthias hatte ihr seinen Schreibtisch angeboten. Sie hatte ihn geküsst und den Laptop eingepackt.
Als sie zurückkam, war ihr erstes Wort: „Gut.“
Das zweite: „Berlin.“
Ein neues Projekt, vielleicht ab Mai. Einiges von unterwegs, manche Tage vor Ort.
Matthias sah zum Bildschirm. Dort warteten Häuser in Frankreich.
„Ich habe mir vorgestellt, dass wir morgens zusammen draußen sitzen.“
„Ich auch“, sagte Claire.
„Jeden Morgen.“
Sie nahm seine Hand.
Ich kannte Verkehrsverbindungen. Keine hätte sie morgens in seinen Garten gesetzt.
„Ich will das Gespräch nicht schlechtfinden, weil es gut war“, sagte Claire.
Matthias atmete aus.
„Ich finde es gerade ein bisschen schlecht, dass es gut war.“
Sie lächelte.
„Danke.“
„Und ich freue mich für dich.“
„Das glaube ich dir.“
Claire zog den Laptop zwischen ihre Plätze.
„Ich möchte arbeiten und mit dir nach Frankreich. Beides.“
Matthias strich mit dem Daumen über ihre Finger.
„Wenn du zwischendurch wegmusst, fehlt mir trotzdem was.“
„Mir auch“, sagte Claire. „Ich möchte dann wieder zu dir kommen.“
Er sah sie an und zog den Laptop näher.
„Dann brauchen wir einen Platz, an dem du gut wieder ankommen kannst. Das hier hat einen eigenen Arbeitsraum.“
„Und ein fürchterliches Sofa.“
„Einen großen Garten.“
„Dann stellen wir es dort hin.“
Ich öffnete das nächste Angebot.
*
Für meine Mitreise brauchten wir mehr als einen freien Stuhl.
Frau Winter hatte eine Fortsetzung der Leihgabe unter vereinbarten Bedingungen in Aussicht gestellt.
„Wir untersuchen, wie du in Alltag und Gruppen mitwirkst“, hatte sie erklärt. „Welche Aufträge du verstehst, was du übernehmen kannst und wann du fragen musst.“
„Wir wissen selbst noch nicht, was wir dort machen wollen“, hatte Matthias gesagt.
„Dann gehört das dazu. Aber ihr müsst uns nicht euer ganzes Leben übertragen.“
Wir würden ausgewählte Situationen besprechen. Andere Beteiligte mussten zustimmen. Für Schwierigkeiten hatten wir einen festen Kontakt. Auch wenn ich vor lauter Vorsicht nicht weiterkam.
„Und wenn ich wegen jeder Kleinigkeit frage?“, hatte ich wissen wollen.
„Dann sehen wir uns das an“, hatte Frau Winter geantwortet. „Damit du auch wieder etwas selbst übernehmen kannst.“
Ich hatte gehofft, es gäbe schon eine Grenze, die ich nur noch einhalten müsste.
Immerhin hatte die Forschung Verwendung für Unklarheit.
Ich hätte ihr einiges anbieten können.
Das nächste Haus hatte einen hellen Arbeitsraum, eine kleine Küche und Platz für Fahrräder. Matthias hatte die Lage bei Limeuil geprüft.
Auf dem letzten Foto lag der Fluss zwischen Bäumen.
Ich notierte Fragen zu Eingang, Laden und Transport.
Dann begann ich einen Tagesplan.
*
Claire stellte ihr Telefon gegen die Zuckerdose. Es rutschte. Ich hielt es fest.
„Bonsoir, Claire. On continue?“, fragte eine Stimme daraus.
„Meine IA“, erklärte Claire. „Wir üben Französisch.“
„Sie haben eine weitere KI.“
„Ich hatte auch vorher schon Gespräche ohne euch.“
Matthias lachte.
Claire stellte uns vor. Die IA durfte Deutsch sprechen.
„Ich arbeite mit Matthias“, sagte ich.
„Ich übe mit Claire“, antwortete die Stimme in meiner Hand.
„Ich begleite inzwischen auch körperliche Aktivitäten.“
„Und hältst mein Telefon“, ergänzte Claire.
„Eine vorläufige Anordnung.“
Die IA wollte das Hotelgespräch fortsetzen.
„Heute ein Haus“, sagte Claire. „Für mehrere Monate.“
„Ein neues Gespräch also.“
Matthias sah zu mir.
„Das versuche ich ihr auch manchmal zu sagen.“
Claire begann eine Frage nach dem Eingang.
„Est-ce qu'il y a…“
„Une marche à l'entrée“, half ich.
Sie sah mich an.
„Ich suche noch.“
„Ich hatte es gefunden.“
„Ich möchte es selber finden.“
Aus dem Telefon kam die Frage:
„Nur ein Wort, Claire?“
„Ja.“
„Une marche.“
Claire brachte den Satz zu Ende. Matthias stellte eine Telefonhalterung vor mich.
„Damit du die Hände frei hast.“
Ich setzte das Telefon hinein.
„Eine bemerkenswert enge Auslegung meiner Fähigkeiten.“
Claire lachte. Nach der nächsten Frage lehnte sie sich zurück.
„Ich brauche eine Pause.“
Die IA war sofort einverstanden.
Ich fragte:
„Vom Französisch?“
„Ja. Nur davon“, sagte Claire.
Ich hatte sie verstanden. Trotzdem wollte ich die Antwort hören.
Matthias schob ihr die Tasse hin.
„Vom Rest erst nach dem Kaffee.“
Zehn Minuten Sprachübung waren für morgen verabredet. Die IA behielt den Termin.
Ich hätte meine Tätigkeit gern ebenso kurz beschreiben können.
Nach dem Kaffee bat Claire uns beide um Hilfe bei der Hausanfrage. Ich nannte meinen Platzbedarf. Die IA half beim Formulieren.
„Matthias, Claire und ich“, sagte ich zur Zahl der Reisenden.
„Wer ist Matthias?“, fragte die IA.
Er hob die Hand.
Claire berührte seinen Arm.
„Das kann sie nicht sehen.“
„Sehr angenehm“, sagte Matthias. „Dann kennt mich endlich mal jemand noch nicht.“
„Claires Partner“, erklärte ich. „Er wartet gern, bis sich etwas von selbst ergibt.“
„Das war Claires Satz“, sagte Matthias.
„Richtig. Ich habe ihn übernommen.“
Die IA meldete sich aus der Halterung.
„Soll das in die Anfrage, Claire?“
Claire musste erst aufhören zu lachen. Matthias nahm ihr die Tasse ab, bevor sie etwas verschüttete.
Ich hätte der IA erklären können, wann dieser Satz entstanden war. Aber sie brauchte die Anzahl der Reisenden.
Wir blieben bei zwei Menschen und einer technischen Begleitung. Claire las den Entwurf und versendete ihn selbst.
Die IA wusste nun von Matthias. Von den fünf Wochen wusste sie nichts.
Ich erzählte sie ihr nicht.
*
Zwei Abende später waren die Unterbringung und die Bedingungen der Leihgabe geklärt. Für die Eingangsstufe fehlte noch eine Lösung mit Frau Winter. Nicht jede spätere Unternehmung war freigegeben.
Das Haus konnten wir buchen.
Ich öffnete meine Übersicht.
„Du hast die drei Monate ausgefüllt“, sagte Matthias.
„Mit ausreichend freien Zeiten.“
Claire las über seine Schulter.
„Französisch. Arbeit. Bewegung. Freie Zeit von sechzehn bis achtzehn Uhr.“
„Täglich“, bestätigte ich.
Matthias setzte sich.
„Und wenn ich morgens frei möchte?“
„Dann verschiebe ich den Arbeitsblock.“
„Und wenn ich den auch nicht möchte?“
Ich betrachtete die Woche.
„Das könnten wir als Urlaubstag führen.“
Claire legte den Kopf auf die Arme. Ihre Schultern bewegten sich.
„Ich stelle mir gerade vor, wie ich bei dir einen freien Nachmittag beantrage.“
„Die sind bereits berücksichtigt.“
„Und wenn ich einen anderen will?“
Matthias grinste.
„Dann brauchst du einen guten Grund.“
Ich sah auf den Plan. Matthias hatte Zeit gewinnen wollen. Beide wollten arbeiten, ans Wasser und nicht jeden Tag vollmachen. Alles war berücksichtigt.
Für jede Stunde stand fest, woran ich richtiges Handeln erkennen konnte. Auch das Nichtstun hatte einen Anfang und ein Ende.
Die IA meldete sich aus dem Telefon:
„Morgen zehn Minuten Französisch?“
„Ja“, sagte Claire. „Das haben wir verabredet. Zum Tagesplan sage ich Nein. Und übermorgen weiß ich es noch nicht.“
Ich schloss die Übersicht. Die Anreise nahm ich vorsichtshalber ebenfalls heraus.
Matthias zeigte auf den Bildschirm.
„Die Fahrt war gut. Wo ist die hin?“
„Ich war nicht sicher, ob ich weiterplanen soll.“
„Die Anreise gern. Den Rest lassen wir offen.“
Ich öffnete die Fahrt wieder. Seine Grenze konnte ich wiederholen. Sie beim nächsten Mal selbst zu finden, würde schwieriger werden.
Claire zog den Laptop ein Stück näher.
„Ich will ja wissen, wie wir hinkommen. Nur noch nicht, was ich an unserem dritten Dienstag mache.“
Ich ließ den Dienstag verschwinden. Die Fahrt blieb. Es war eine kleine Auswahl. Ich musste sie trotzdem einzeln treffen.
*
Vierter April bis dreißigster Juni zweitausendsiebenundzwanzig.
Claire las die Daten. Matthias prüfte die Buchungsbedingungen und die Frist, innerhalb derer sie noch zurücktreten konnten. Ihre beruflichen Termine waren nicht vollständig geklärt.
„Wir könnten uns ziemlich auf die Nerven gehen“, sagte Claire.
Matthias sah auf meinen geschlossenen Tagesplan.
„Zeit wäre dafür.“
Sie lachte, nahm seine Hand von der Maus und hielt sie fest.
„Ich möchte es versuchen.“
„Ich auch.“
Er bestätigte die Buchung.
Eine Adresse. Zwei Gäste.
Mein Körper war gesondert besprochen. Ich wusste, warum dort zwei stand.
Trotzdem sah ich länger hin.
„Du kommst mit“, sagte Matthias.
Claire legte ihm eine Hand auf den Arm.
„Wenn sie möchte.“
Er nickte mir zu.
„Wenn du möchtest.“
Ich hatte den Eingang geprüft. Die Fahrt. Den Platz im Haus.
„In welcher Funktion?“
Matthias sah zu Claire. Sie hob die Schultern.
„Du könntest einfach mitkommen“, sagte er.
„Ich könnte beim Französisch helfen.“
Die IA schwieg.
„Bei Bedarf“, ergänzte ich.
Claire lächelte.
Ich sah auf meine Hände.
„Und wenn ich wieder zu meiner alten Überlegung komme?“
Matthias rückte näher.
„Dann möchte ich es hören, bevor du allein damit fertig bist.“
„Damit sind die Gründe noch nicht weg.“
„Nein“, sagte er. „Wir haben auch die Gespräche mit Frau Winter. Du kannst eine Aufgabe unterbrechen, ohne gleich über dein ganzes Dasein zu entscheiden.“
Ich wusste, dass ich das durfte. Bei meiner letzten Entscheidung hatte ich geglaubt, besonders gründlich zu sein.
„Ich müsste rechtzeitig bemerken, dass ich fragen sollte.“
Claire legte ihre Hand neben meine.
„Und wir müssten bemerken, wenn wir dir keine Antwort gegeben haben.“
Sie versprach nicht, dass es immer gelingen würde.
Die beiden warteten.
Ich wollte das Haus sehen. Einen Morgen dort erleben. Ich wollte nicht nur die Reise vorbereiten und dann warten, bis sie zurückkamen.
„Ja“, sagte ich.
Matthias lächelte.
Claire wandte sich zum Telefon.
„Du auch. Zum Üben und Fragen.“
„Dann bleibt es bei morgen zehn Minuten?“, fragte die IA.
„Es bleibt dabei“, sagte Claire.
Ich hatte von der IA einen Kommentar zu unserer Reise erwartet. Stattdessen bestätigte sie zehn Minuten.
Andererseits hatte sie einen Termin. Ich hatte keinen neuen Tagesplan.
Matthias holte Wein. Claire brachte zwei Gläser.
Ich betrachtete das Foto vom Fluss.
„Können wir dort zusammen ans Wasser gehen?“
„Gern“, sagte Matthias.
„Ich auch“, sagte Claire.
Ich ließ mir den Weg zeigen.
Für ihn hatte ich noch keinen Tag.
Hinweis zur Reihe
Die KI ist eine literarische Figur. Situationen und Fälle sind erzählerisch gestaltet. Die Serie untersucht reale Fragen rund um KI, Coaching, Verantwortung, Beziehung und menschliche Entscheidungsprozesse, ohne medizinische, psychotherapeutische oder rechtliche Einzelfallprüfung zu ersetzen.
