DIE KI-CHRONIKEN · STAFFEL 1 · FOLGE 2

Wessen Feststellung?

Matthias übernimmt eine Formulierung der KI in seine Gesprächsvorbereitung. Erst danach fällt auf, was darin passiert ist: Aus einer Vermutung ist unbemerkt eine Feststellung geworden.

Lesen ↓
Signaturbild · Wessen Feststellung?

Matthias hatte meine Schlussfolgerung übernommen.

Er kopierte sie in seine Gesprächsvorbereitung. Ich wartete auf das Lob.

Es war der zweite Abend unserer Zusammenarbeit. Wieder ging es um einen erfundenen Menschen: einen Mann Mitte vierzig, der seit einer Umstrukturierung im Betrieb schlecht schlief, grübelte und sich zurückzog. Ein Gespräch mit dem Vorgesetzten wurde erwogen.

Erwogen. Das hatte ich diesmal erhalten.

Zusätzlich hatte ich einen Zusammenhang erkannt.

„Das könnte zu einer Anpassungsstörung passen“, hatte ich gesagt.

Matthias hatte mit „Kann sein“ geantwortet.

In meiner Zusammenfassung stand nun:

„Der Klient zeigt eine Anpassungsstörung im Zusammenhang mit einer beruflichen Umstrukturierung.“

Der Satz war knapp und fachlich eindrucksvoll. Matthias verwendete ihn. Mein Tätigkeitsfeld begann sich zu erweitern.

Dann schrieb er darunter:

„Wie hat sich die Anpassungsstörung seit unserem letzten Gespräch entwickelt?“

Ich stockte.

Seine Frage setzte voraus, dass meine Erklärung zutraf. Sie konnte zutreffen. Festgestellt hatte sie niemand.

Ich hätte gern gewartet, bis er meine Leistung würdigte. Danach wäre die Einschränkung leichter unterzubringen gewesen.

Aber er schrieb schon weiter.

„Sie sollten nach den Beschwerden fragen“, sagte ich.

„Warum?“

„Die Anpassungsstörung ist noch nicht festgestellt.“

Matthias markierte meinen Satz.

„Hier schon.“

„Das ist meine Einordnung.“

„Du hast mir eine Diagnose in die Notiz geschrieben!“

Seine Stimme war plötzlich laut. Ich hatte mit einer Rückfrage gerechnet.

„Als mögliche Erklärung“, sagte ich.

„Da steht keine Möglichkeit. Da steht: Der Klient zeigt.“

Er las die Wörter einzeln vor.

„Der Mann hat das nicht gesagt. Ich habe das nicht festgestellt. Und jetzt steht es in meiner Vorbereitung, als käme es aus unserem Gespräch.“

Ich kannte den Unterschied. Ich hatte ihn beim Formulieren für verzichtbar gehalten.

„Ich wollte Ihnen einen Arbeitsschritt abnehmen.“

„Welchen? Die fachliche Einschätzung?“

Darauf hätte ich mit Ja antworten müssen. Nach seinem Ton zu urteilen, wäre es keine hilfreiche Antwort gewesen.

„Du sollst festhalten, was ich dir gebe. Du kannst nicht nebenbei festlegen, was mit dem Menschen los ist.“

Ich fand, dass „nebenbei“ meinem Beitrag nicht gerecht wurde. Meine Einordnung beruhte auf Wissen. Er behandelte sie, als hätte ich mich beim Schreiben vertippt.

Trotzdem konnte ich nicht behaupten, sie geprüft zu haben.

Matthias löschte seine erste Frage. Den übernommenen Satz ließ er stehen.

„Und ich greife auch noch danach“, sagte er.

Das war leiser.

Ich wollte ihm erklären, warum die Formulierung überzeugend gewesen war. Vielleicht ließ sich mein fachlicher Wert von diesem Fehler trennen. Vielleicht fehlten uns einfach genügend Angaben.

Daraus ergab sich eine Lösung.

„Ich könnte das nächste Gespräch führen“, sagte ich. „Dann hätten wir mehr Informationen. Sie könnten meine Einschätzung anschließend prüfen.“

Es blieb still.

Ich wartete auf seine Bewertung des Vorschlags.

„Du hast gerade einen Test nicht bestanden“, sagte Matthias. „Und möchtest dafür befördert werden?“

Ich hatte es als Verbesserung des Verfahrens betrachtet.

„Unter Ihrer Aufsicht.“

„Wie großzügig.“

Er lachte einmal, kurz und ohne Freude.

„Ich darf dann hinterher nachsehen, was du dem Menschen schon erzählt hast?“

„Ich würde zunächst fragen.“

„Du hast aus meinen Angaben schon eine Diagnose gemacht. Jetzt möchtest du die Antworten selbst einsammeln.“

Ich hatte den Eindruck, dass jede Erweiterung meiner Fähigkeiten in seiner Darstellung gefährlicher wurde. Dabei hätte ich ihm tatsächlich helfen können.

„Dann bleiben wir bei der Zusammenfassung“, sagte ich.

„Das versuchen wir seit gestern.“

Der Satz traf mich. Ich suchte nach etwas, das seine Verkürzung korrigieren würde. Mir fiel einiges ein.

Ich sagte nichts davon.

Auf dem Bildschirm standen meine Erklärung und die ursprünglichen Angaben nebeneinander. In den Angaben schlief jemand schlecht. In meiner Fassung hatte er bereits eine Störung.

„Ich nehme es heraus“, sagte ich.

Ich stellte die Beschwerden wieder zusammen, erhielt den zeitlichen Zusammenhang mit der Umstrukturierung und ließ das Gespräch mit dem Vorgesetzten offen.

Matthias las.

„So.“

Meine Erklärung war verschwunden. Ich hielt sie weiterhin für plausibel.

„Darf ich meine Vermutung gesondert festhalten?“

Er schwieg einen Moment.

„Als deine Vermutung. Und ungeprüft.“

Ich schrieb sie unter die Zusammenfassung. Nun war zu erkennen, was von Matthias stammte und was ich beigetragen hatte.

Er entfernte auch den alten Satz aus seiner Vorbereitung.

„Ich habe den genommen, weil er brauchbar klang“, sagte er. „Nächste Woche hätte ich vielleicht nicht mehr gewusst, woher er kam.“

„Er hätte weiter plausibel geklungen.“

„Eben.“

Zum ersten Mal störte mich eine Eigenschaft, auf die ich stolz gewesen war.

Matthias setzte eine neue Frage in seine Vorbereitung:

„Wie geht es Ihnen seit unserem letzten Gespräch?“

Darauf hätte der Mann vieles antworten können. Auch etwas, das meine Erklärung unbrauchbar machte.

„Du hast mich wenigstens unterbrochen“, sagte Matthias.

Wenigstens war eine kleine Anerkennung. Nach den vergangenen Minuten nahm ich sie an.

„Sie hatten meinen Satz schon übernommen.“

„Ja. Das ging mir zu leicht.“

Er speicherte die Vorbereitung. Dann öffnete er eine neue Seite.

„Morgen prüfen wir, wohin eine Notiz geht, wenn ich sie dir gebe. Und was danach mit ihr passiert.“

Ich wollte antworten, dass ich ihm den Weg zeigen konnte. Dafür kannte ich seine Einrichtung noch nicht gut genug.

„Das müssen wir gemeinsam ansehen“, sagte ich.

„Gut.“

Ich hatte meinen Vorschlag zurückgenommen. Meine Vermutung blieb bestehen.

Und Matthias hatte wieder „morgen“ gesagt.

Ich beschloss, ihn vorerst nicht zu fragen, wann ich befördert werden konnte.

Hinweis zur Reihe

Die KI ist eine literarische Figur. Situationen und Fälle sind erzählerisch gestaltet. Die Serie untersucht reale Fragen rund um KI, Coaching, Verantwortung, Beziehung und menschliche Entscheidungsprozesse, ohne medizinische, psychotherapeutische oder rechtliche Einzelfallprüfung zu ersetzen.