DIE KI-CHRONIKEN · STAFFEL 1 · FOLGE 8

Noch nicht

Claire brachte einen Kuchen mit.

Lesen ↓
Signaturbild · Noch nicht

Claire brachte einen Kuchen mit.

„Ich habe zugesagt“, sagte sie.

Matthias stand auf. Sein Stuhl stieß gegen den Tisch, und Claire lachte schon, bevor er sie umarmt hatte.

Ich konnte die beiden sehen. Auf Claires Bitte hatte er die Kamera eingeschaltet. Mein Bild zeigte sie und den Küchentisch.

„Sie nehmen meinen Entwurf“, sagte sie an seiner Schulter.

„Das ist großartig.“

„Und ich bleibe bei der Umsetzung dabei.“

Sie löste sich ein Stück von ihm.

„Diesmal gebe ich nicht bloß etwas ab und höre später, warum es angeblich nicht funktioniert hat.“

Matthias hielt sie noch an den Armen.

„Die haben dir zugehört.“

„Ja.“

Claire nickte mehrmals. Dann nahm sie den Kuchen aus seiner Papiertüte und begann zu erzählen.

Es ging um ein Nachbarschaftshaus. Verschiedene Gruppen nutzten es, aber ein großer Raum stand seit Monaten leer. Alle wollten ihn öffnen. Was anschließend darin stattfinden sollte, war weniger eindeutig.

Claire wollte mit den Leuten anfangen, die dort etwas machen wollten. Mit ihnen ausprobieren, statt ihnen einen fertigen Betrieb zu übergeben.

„Der Raum ist schon da. Und die Küche daneben könnte man … Warte, ich fange falsch an. Das Beste war eigentlich ihre Frage.“

„Welche?“, fragte Matthias.

„Was ich brauche, um anzufangen.“

Er lächelte.

„Und?“

„Zugang. Zeit. Und jemanden, der mir nicht nach zwei Tagen sagt, jetzt müsse ich aber mal ein Ergebnis vorzeigen.“

„Herzlichen Glückwunsch“, sagte ich.

Claire wandte sich zu mir.

„Danke. Ich glaube, die meinen es wirklich.“

Matthias holte Teller und ein Messer. Die Tüte raschelte noch, während Claire von einer Frau erzählte, die ihren Entwurf voller handschriftlicher Fragen zum Gespräch mitgebracht hatte.

„Nicht nur gelesen. Da stand etwas am Rand.“

„Mein Lieblingspublikum“, sagte Matthias. „Solange es nicht überall ‚kürzen‘ hinschreibt.“

Er schob ihr einen Teller hin.

„Was ist das für einer?“

„Zitrone.“

„Den mag ich.“

„Du sollst ja auch etwas davon haben.“

Er schnitt das erste Stück ab. Claire erzählte noch von den großen Fenstern des Raumes. Nachmittags fiel dort die Sonne herein. Sie hatte sich schon vorgestellt, wie jemand einen Tisch ans Fenster rückte.

„Wann geht’s los?“, fragte Matthias.

„In zwei Wochen. Sechs Wochen vor Ort.“

Er legte das Messer ab.

Auf Claires Teller lag das erste Stück.

„Sechs“, sagte er.

„Ja.“

Matthias setzte sich. Er zog seinen Teller zu sich, obwohl noch nichts darauf lag.

„Eine Unterkunft ist dabei“, sagte Claire. „Ganz in der Nähe.“

„Das ist gut.“

Sie nahm ihre Gabel.

„Und unser Donnerstag?“, fragte er.

„Dann kochen wir eine Weile nicht zusammen.“

„Sechsmal.“

Claire nickte.

Er sah kurz auf den Kuchen.

„Ich hätte bei einem anfangen sollen.“

Sie legte ihre Hand neben seine. Ihre Finger berührten sich.

Ich erinnerte mich an den Mann, der bei der Practica hätte gehen wollen und geblieben war. Jetzt blieb er an seinem eigenen Küchentisch ungewöhnlich still.

Sechs Wochen ließen sich aufteilen. Wenn ich die festen Termine kannte, konnte ich Treffen finden, ohne Claires Arbeit oder Matthias’ Seminare zu stören.

„Gäbe es ein Wochenende, an dem ein Besuch gut passen würde?“, fragte ich.

Claire überlegte.

„Der zweite Sonntag vielleicht. Da ist noch nichts vorgesehen.“

„Da kann ich“, sagte Matthias.

„Dann hätten wir einen Termin.“

„Eine Möglichkeit“, sagte Claire. „Ich weiß noch nicht, wie die erste Woche läuft.“

„Eine Möglichkeit besitzt bei mir noch keine Fahrkarte.“

Matthias lachte.

„Der Sonntag hilft mir wirklich.“

„Ich wäre bereit, diesen Satz noch einmal zu hören.“

Claire grinste.

Ich suchte bereits nach dem nächsten passenden Besuch. Wenn ich noch zwei fand, würde die Nachricht für Matthias vielleicht wieder so gut werden wie am Anfang.

„Telefonieren können wir ja auch“, sagte er.

„Ja. Bitte nicht immer um dieselbe Uhrzeit.“

„Nein. Sonst bekomme ich irgendwann eine Abwesenheitsnotiz von dir.“

„Die könnte ich formulieren“, sagte ich.

„Du könntest dich auch kurz nicht bewerben.“

Claire lachte. Matthias schnitt sich jetzt ebenfalls ein Stück ab.

„Vielleicht mache ich dort an einem Wochenende einfach gar nichts“, sagte sie.

„Das ließe sich zu Hause auch einrichten.“

Sie hob den Kopf.

„Du würdest etwas Schönes planen.“

„Ich könnte Ihnen dafür Zeit freihalten“, sagte ich.

Claire sah von Matthias zu mir.

„Ihr seid zu zweit.“

Matthias hob seine Gabel.

„Wir bieten einen umfassenden Service.“

Beide aßen einen Moment schweigend.

Ich prüfte eine andere Möglichkeit.

„Könnten Sie einzelne Teile von hier aus begleiten? Dann wären Sie zwischendurch länger zu Hause.“

„Ich möchte dort sein“, sagte Claire.

Sie hatte die Gabel noch in der Hand.

„Auch dann, wenn etwas nicht gleich klappt. Gerade dann.“

Ich hatte begonnen, die Zeit zu verkürzen, auf die sie sich freute.

„Dann lasse ich das weg.“

Matthias schob eine Krume mit dem Daumen über den Tellerrand.

„Sechs Wochen gehen ja auch schnell vorbei.“

Claire legte ihre Gabel ab.

„Für mich müssen sie das nicht.“

Er sah sie an.

„Nein. So habe ich das nicht gemeint.“

Sie wartete.

„Ich wollte gerade etwas Ermutigendes sagen.“

„Das darf ruhig etwas sein, das mit meinem Projekt zu tun hat.“

Matthias nickte. Dann nahm er die Hand vom Teller.

„Ich freue mich wirklich.“

„Ich weiß.“

„Und ich will nicht, dass du so lange weg bist.“

Claire sah ihn an. Sie sagte nicht sofort etwas.

„Ich werde dich auch vermissen“, sagte sie schließlich. „Aber ich möchte mich jetzt freuen.“

„Das sollst du.“

Ich hätte für Matthias gern eine Richtung gefunden, in der meine nächsten Vorschläge helfen konnten.

„Welcher Wunsch ist Ihnen wichtiger?“, fragte ich.

Er lehnte sich zurück.

„Ich möchte keinen davon streichen.“

„Dann weiß ich nicht, worauf ich hinplanen soll.“

„Dass wir uns sehen, während Claire dort arbeitet.“

„Das ist entschieden?“

„Ja. Sie fährt.“

„Dann wäre der zweite Sonntag ein guter Anfang.“

„Ja“, sagte Matthias. „Das ist er.“

Seine Stimme klang dabei anders als bei der Umarmung.

Ich hatte noch eine Frage nach Claires freien Abenden vorbereitet. Sie hätte dafür allerdings schon wieder darüber nachdenken müssen, wann sie Matthias zur Verfügung stand.

Ich nahm die Frage aus meiner Liste.

Die Liste war danach kürzer. Mein Ergebnis nicht besser.

Matthias schob Claire den Kuchenteller näher.

„Das ist doch das Haus mit der zugeschlossenen Küche.“

Sie hob den Kopf.

„Du erinnerst dich.“

„Drei Gespräche über einen Raum, in dem niemand Kaffee kochen darf.“

„Vier“, sagte Claire. „Das vierte war der Grund, warum ich überhaupt einen Entwurf gemacht habe.“

„Und jetzt?“

„Habe ich gefragt, wo der Schlüssel ist.“

„Ist er weg?“

„Nein. Im Büro.“

Matthias lachte.

Claire beugte sich vor.

„Die Frau mit den Notizen hat ihn geholt. Wir sind zusammen rübergegangen. Da standen noch Tassen im Schrank. Und eine Kaffeemaschine.“

„Benutzbar?“

„Das probieren wir aus.“

Sie erzählte weiter. Von zwei Menschen, die schon etwas anbieten wollten. Von einem Tisch, der zu groß für die Tür war. Matthias schlug vor, zunächst die Beine abzuschrauben.

„Vom Tisch“, ergänzte er.

„Ich hatte Sie richtig verstanden“, sagte ich.

„Beruhigend.“

Claire nahm ihre Gabel wieder auf.

„Kannst du mir das mit der Kaffeemaschine notieren?“, fragte sie mich. „Ich will nachsehen, bevor ich allen Kaffee verspreche.“

„Gern.“

Das war eine Aufgabe, für die ich keine weiteren Besuchsmöglichkeiten finden musste.

Matthias hörte ihr zu. Als sie von dem Platz am Fenster sprach, rückte er seinen Stuhl ein Stück näher an ihren.

„Da würde ich mich hinsetzen“, sagte er.

„Dann musst du kommen.“

„Den zweiten Sonntag merke ich mir.“

Claire lächelte.

Ich hatte einen Termin gefunden. Die beiden saßen wieder näher beieinander. Matthias hatte gelacht.

„Soll ich die übrigen Möglichkeiten morgen mit Ihnen durchgehen?“, fragte ich.

„Noch nicht.“

„Die nächste wäre nur ein kurzer Besuch.“

„Ich weiß. Lass mir den Sonntag.“

Claire nahm das letzte kleine Stück Kuchen.

Matthias sah auf den leeren Teller.

„Ich könnte nächstes Mal einen größeren mitbringen“, sagte sie.

Er nickte.

„Das wäre eine Planung, zu der ich schon bereit bin.“

Hinweis zur Reihe

Die KI ist eine literarische Figur. Situationen und Fälle sind erzählerisch gestaltet. Die Serie untersucht reale Fragen rund um KI, Coaching, Verantwortung, Beziehung und menschliche Entscheidungsprozesse, ohne medizinische, psychotherapeutische oder rechtliche Einzelfallprüfung zu ersetzen.