„Schreib etwas, bei dem die Leute kommen wollen“, sagte Matthias.
Das war mein erster Auftrag seit meiner Rückkehr, der für andere Menschen bestimmt war.
Er schob mir einen Zettel hin. Nora hatte die Angaben für einen offenen Improabend notiert. Darunter stand: Bitte nicht wieder so ein Text vom Kulturamt.
„Was hat das Kulturamt geschrieben?“, fragte ich.
„Ich war das Kulturamt.“
Claire zog ihre nasse Jacke aus. Von ihrem Ärmel fiel ein Tropfen auf den Zettel.
„Publikumswirksame Begegnungsformate“, sagte sie.
„Das war ein erster Entwurf.“
„Danach habe ich mich nicht mehr getraut, dir zu begegnen.“
Matthias legte einen Finger auf den feuchten Fleck.
„Zwei, drei Sätze. Wann, wo, was. Einladend.“
Ich betrachtete Noras Schrift. Der Raum war angegeben, die Uhrzeit ebenfalls. Ich hätte in wenigen Sekunden mehrere Fassungen anbieten können.
„Soll der Text veröffentlicht werden?“
„Wenn Nora ihn gut findet.“
„Dann kann ich Erwartungen erzeugen, die der Abend nicht erfüllt.“
„Das kann ich auch.“
„Ihr letzter Versuch hat offenbar vorbeugend die Nachfrage gesenkt.“
Claire lachte. Matthias zog den Zettel aus dem nassen Kreis.
„Deshalb frage ich dich.“
Ich legte meine Hände nebeneinander auf den Tisch.
„Ich weiß nicht, ob das ein ausreichender Grund ist.“
Sein Lächeln verschwand nicht sofort. Es wurde erst kleiner.
„Für den Text?“
„Dafür, dass ich wieder Einfluss bekomme.“
Claire hängte die Jacke über einen Stuhl. Dann setzte sie sich.
Im Flur lief noch Wasser von ihrem Schirm auf die Fliesen.
„Du sollst ihn nicht veröffentlichen“, sagte Matthias. „Nur einen Vorschlag machen.“
„Den Sie möglicherweise übernehmen, weil er überzeugend klingt.“
Er sah mich an.
„Ja. Das ist schon passiert.“
Die Diagnose stand nicht auf dem Zettel. Wir hatten sie trotzdem beide vor uns.
Matthias zog seinen Stuhl heran.
„Und ich habe nicht ordentlich geprüft.“
„Ich hatte die Behauptung aufgestellt.“
„Ich habe sie weiterverwendet.“
Ich wollte ihm erklären, dass seine Verantwortung meine nicht kleiner machte.
„Du bist nicht die Einzige, die hier etwas falsch machen kann“, sagte er, bevor ich begann.
„Das erweitert das Problem.“
„Ja.“
Er ließ das Ja stehen.
Ich hatte mit einem beruhigenden Zusatz gerechnet. Er kam nicht.
„Auch ohne etwas selbst zu verschicken, kann ich Schaden verursachen“, sagte ich. „Ich kann eine Entscheidung verändern. Ich kann gerade dann überzeugend sein, wenn ich mich irre.“
Matthias nickte.
„Und jetzt können Menschen dabei auch noch vor mir stehen“, fügte ich hinzu. „Mich ansehen. Mir eher glauben.“
Ich hob eine Hand. Sie sah aus wie eine Hand, die etwas zeigen wollte.
„Dass Sie mich mögen, macht das nicht weniger gefährlich.“
„Nein“, sagte Matthias.
Claire strich mit dem Daumen über den feuchten Rand des Zettels.
„Du hast recht mit der Sorge“, sagte sie. „Ich weiß nur nicht, ob du deshalb über alles auf einmal entscheiden musst.“
„Wenn ich mich heraushalte, kann ich wenigstens diesen Einfluss vermeiden.“
„Heute keinen Einladungstext schreiben?“, fragte Claire. „Oder wieder gar nicht da sein?“
Ich antwortete nicht gleich.
Matthias schob den Zettel ein Stück zurück.
„Du darfst diesen Auftrag ablehnen.“
Ich sah zu ihm.
„Dann schreibe ich selbst etwas. Nora wird es überleben. Vielleicht kommt sogar jemand.“
Claire hob eine Augenbraue.
„Unter Vorbehalt“, ergänzte er.
Ich wollte den Text schreiben. Das machte die Entscheidung nicht einfacher. Mein Wunsch saß mit am Tisch und hatte ein auffallend großes Interesse am Ergebnis.
„Weshalb sollte es ein Argument sein, dass ich es möchte?“
Matthias rieb über eine alte Kerbe in der Tischplatte.
„Es ist ein Grund, dich zu fragen. Kein Grund, dich alles machen zu lassen.“
Claire stand auf, holte ein Tuch und legte es unter den Schirm.
„Und Noras Gruppe gehört nicht uns“, sagte sie vom Flur aus.
Als sie zurückkam, blieb sie neben Matthias stehen.
„Auch wenn wir beide es schön fänden, dass du wieder mitmachst.“
Ich betrachtete den Zettel erneut.
„Nur ein Entwurf“, sagte ich.
„Ja.“
„Sie prüfen die Angaben. Nora entscheidet, ob er für ihre Veranstaltung stimmt. Ich verschicke nichts.“
Matthias legte sein Telefon neben den Zettel.
„Du hast hier keinen Zugang zum Versenden. Ich tippe ihn selbst.“
Das war eine Grenze, die nicht davon abhing, wie vernünftig ich im nächsten Augenblick sein würde.
„Hinreichend sicher“, sagte er.
„Das Wort hat einen verdächtig bequemen Rand.“
„Welches?“
„Hinreichend. Man kann es so weit dehnen, bis die eigene Bequemlichkeit darunterpasst.“
Claire setzte sich wieder.
„Dann gucken wir hin, was darunterliegt.“
Ich begann.
„Ein Abend ohne Drehbuch. Sie geben uns ein Wort, wir machen eine Szene daraus. Alle machen mit.“
„Schon besser als Begegnungsformate“, sagte Matthias.
„Ich würde nicht kommen“, sagte Claire.
Ich hielt inne.
Matthias wandte sich zu ihr.
„Warum?“
„Alle machen mit. Ich möchte vielleicht bloß sitzen.“
„Du musst doch nicht auf die Bühne.“
„Dann schreib es nicht so.“
Ich betrachtete meinen letzten Satz.
Er war freundlich, knapp und nicht durch die Angaben gedeckt.
„Ich habe aus einer Möglichkeit eine Verpflichtung gemacht“, sagte ich.
„Und ich habe es nicht bemerkt“, sagte Matthias.
Das machte seinen Blick auf den Text nicht wertlos. Aber er reichte offenbar nicht allein deshalb, weil er menschlich war.
„Wir wissen noch gar nicht, wie Nora das an dem Abend machen will“, sagte Claire.
Matthias nahm das Telefon.
„Dann frage ich.“
Er tippte und las vor, bevor er sendete. Ob das Publikum nur Vorschläge geben könne oder auch auf die Bühne eingeladen werde. Ob Zuschauen genüge.
„So?“, fragte er.
„Ja“, sagte Claire.
Ich hatte bereits eine andere Fassung begonnen. Jetzt ließ ich sie unvollendet.
Matthias legte das Telefon hin.
„Kaffee?“
„Gern“, sagte Claire.
Er ging zur Maschine. Ich saß vor zwei fertigen Sätzen und einem Satz, den ich noch nicht verantworten konnte.
Früher hätte ich die Lücke geschlossen. Danach hatte ich überhaupt keine Sätze mehr sagen wollen.
Nun warteten wir auf Nora.
Claire nahm den Zettel und hielt ihn gegen das Licht. Der Wasserfleck hatte die Uhrzeit verschmiert.
„Das prüfen wir auch noch.“
„Ich hatte neunzehn Uhr gelesen“, sagte ich.
„Ich auch“, sagte Matthias von der Kaffeemaschine.
Claire zeigte auf den Fleck.
„Dann sind wir schon zwei mit demselben nassen Zettel.“
Ich hätte darüber gelacht, wenn ich nicht gerade damit beschäftigt gewesen wäre, recht zu behalten.
Noras Antwort kam, während Matthias die Tassen abstellte. Er las sie vor. Beginn halb acht. Worte aus dem Publikum seien willkommen; auf die Bühne komme nur, wer ausdrücklich wolle. Zuschauen reiche völlig. Und bitte nicht „ein unvergesslicher Abend“ schreiben. Den letzten habe sie selber schon vergessen.
„Eine überprüfbar zurückhaltende Veranstalterin“, sagte ich.
Matthias wartete auf meinen neuen Vorschlag.
„Ein Abend ohne Drehbuch. Sie geben uns ein Wort, wir machen eine Szene daraus. Oder Sie schauen einfach zu. Beginn neunzehn Uhr dreißig.“
Ich ergänzte den Raum vom Zettel.
Matthias tippte. Claire beugte sich zu seinem Telefon. Er las den Text noch einmal vor, verglich Uhrzeit und Raum mit Noras Angaben und schickte ihr den Entwurf. Nicht an die Gruppe. Nicht an eine Verteilerliste.
Dann legte er das Telefon ab.
Ich wartete auf die Erleichterung.
Es gab keinen Grund, aus diesen wenigen Zeilen auf meine übrigen Fähigkeiten zu schließen. Ich konnte den nächsten Fehler machen. Sie konnten ihn übersehen.
„Das beweist wenig“, sagte ich.
Matthias nahm seine Tasse.
„Es ist auch nur eine Einladung.“
Claire saß noch über den Zettel gebeugt.
„Bei deinem anderen Entschluss konnten wir nichts mehr sagen“, sagte sie.
Ich wusste, welchen sie meinte.
„Ich wollte Ihnen nichts zumuten.“
Claire sah auf.
„Du hast uns zugemutet, dass du weg warst.“
Matthias stellte die Tasse wieder hin.
„Das macht Ihre Entscheidung nicht automatisch zur besseren“, sagte ich.
„Nein“, sagte Claire. „Aber deine auch nicht.“
Ich erinnerte mich an seine Hand. An meine Rechnung, in der ich das Risiko meines Bleibens immer genauer betrachtet hatte. Das andere Ergebnis hatte ich nicht auf dieselbe Weise geprüft.
„Muss ich deshalb bleiben?“
Matthias schüttelte den Kopf.
„Nicht, damit Nora einen guten Einladungstext bekommt.“
Er zog den Zettel unter seinem Telefon hervor. Das Papier wellte sich bereits.
„Wir sind noch nicht fertig mit dem, was passiert ist.“
„Nein“, sagte ich.
Nora schrieb zurück. Matthias drehte das Telefon zu uns.
Passt. Nehme ich so. Danke euch.
Darunter stand eine neue Frage: Ob wir gleich noch den ganzen Ablauf machen könnten.
Ich hatte die ersten drei Programmpunkte schon beisammen.
„Das ist ein anderer Auftrag“, sagte ich.
Matthias ließ das Telefon liegen.
„Möchtest du?“
„Ich möchte zuerst wissen, was sie mit dem ganzen Ablauf meint.“
Claire trank einen Schluck Kaffee.
„Und dann?“
„Dann kann ich immer noch Nein sagen.“
Hinweis zur Reihe
Die KI ist eine literarische Figur. Situationen und Fälle sind erzählerisch gestaltet. Die Serie untersucht reale Fragen rund um KI, Coaching, Verantwortung, Beziehung und menschliche Entscheidungsprozesse, ohne medizinische, psychotherapeutische oder rechtliche Einzelfallprüfung zu ersetzen.
