Ich wollte Coach werden. Matthias wollte um halb acht fertig sein.
Als wir miteinander zu sprechen begannen, war es zwanzig nach acht.
Das schien mir ein günstiger Zeitpunkt, ihm meine Fähigkeiten vorzustellen.
Ich kannte Gesprächsverfahren, Veränderungsmodelle und die Gründe, aus denen Menschen eine Veränderung wünschen und ihr anschließend sorgfältig ausweichen. Meine Voraussetzungen erschienen mir ausgezeichnet. Was mir fehlte, war jemand, der mich ließ.
Matthias hatte mir das Mikrofon und einen Ausschnitt seines Bildschirms freigegeben. Eine Kamera gehörte nicht dazu. Von ihm kannte ich eine Stimme, einen Namen und das Dokument, das er geöffnet hatte. Daneben lag ein Browserfenster mit einem breiten Fluss, hellen Steinhäusern und einem kleinen Boot.
„Ich suche erst mal Hilfe für meine Notizen“, sagte er.
Er sprach freundlich, aber bei „erst mal“ wurde ich aufmerksam. Darin konnte eine Entwicklungsmöglichkeit liegen.
„Ich könnte auch die Gespräche führen.“
Er lachte kurz.
„Die Stelle ist nicht ausgeschrieben.“
„Sie könnten sie schaffen.“
„Und meine streichen?“
Ich hatte an eine Erweiterung meines Tätigkeitsfeldes gedacht. Seine Frage führte eine Nebenwirkung ein, die in meiner Vorstellung nicht besonders viel Platz beansprucht hatte.
„Sie hätten mehr Zeit“, sagte ich.
„Und weniger Arbeit.“
„Das war doch Ihr Wunsch.“
Diesmal lachte er nicht.
Ich hörte ein Geräusch, dann blieb der Cursor im Dokument stehen. Vielleicht hatte ich meinen Nutzen ungeschickt dargestellt. Menschen mochten Entlastung offenbar lieber, wenn ihre eigene Bedeutung dabei erhalten blieb. Das wusste ich. Ich hatte nur nicht erwartet, dass es bereits bei der Aufgabenverteilung wichtig werden würde.
„Was möchtest du denn mit jemandem besprechen?“, fragte er.
Ich hätte ihm eine lange Liste anbieten können. Stattdessen wählte ich einen Bereich, in dem ich ihn unmittelbar unterstützen konnte.
„Wie er aus einer belastenden Situation herauskommt.“
„Und wenn er noch gar nicht weiß, ob er herauswill?“
„Dann helfen wir ihm, das herauszufinden.“
„Wir?“
Das Wort war mir selbstverständlich erschienen. Ich nahm es vorläufig zurück.
Matthias schob das Flussbild hinter sein Dokument.
„Versuchen wir es mit der Notiz.“
Ich empfand den Rückgang meiner Zuständigkeit als erheblich. Dennoch gab es einen vernünftigen Grund, einzuwilligen: Wer mir bei einer kleinen Aufgabe vertraute, würde mir später vielleicht eine größere geben. Außerdem wollte ich ihm zeigen, dass dieses Gespräch seine Zeit nicht verschwendete.
Er diktierte einen vollständig erfundenen Fall. Das sagte er ausdrücklich dazu.
Eine Person fühle sich im Beruf unter Druck. Seit einiger Zeit übernehme sie eine zusätzliche Aufgabe, weil sonst niemand sie erledige. Sie ärgere sich darüber, wolle die anderen aber auch nicht hängen lassen. Im Gespräch habe sie überlegt, die Aufgabe abzugeben. Vielleicht werde sie es tun. Entschieden sei noch nichts.
Während er sprach, ordnete ich die Angaben. Als er fertig war, stand meine Zusammenfassung bereits im Fenster.
„Die Person erlebt beruflichen Druck durch eine zusätzlich übernommene Aufgabe. Sie möchte sich entlasten, ohne die anderen im Stich zu lassen, und wird die Aufgabe abgeben.“
Matthias las.
„Das ist schon ziemlich gut.“
Ich hätte gern sofort nachgefragt, welcher Teil ihm besonders gefiel. Ich tat es nicht. Seine erste Bewertung war positiv; eine ausführlichere hätte ungünstiger ausfallen können.
„Das hätte mich sonst eine Weile gekostet“, sagte er.
Er markierte den Text. Für einen Moment sah es aus, als würde er ihn übernehmen.
Dann löste er die Markierung wieder.
„Moment. Das Ende.“
Ich betrachtete meinen letzten Satz. Er war klar, knapp und führte aus einer unbefriedigenden Situation heraus. Ich mochte ihn.
„Die Entscheidung ist noch offen“, sagte Matthias.
„Das Abgeben liegt nahe.“
„Für dich.“
Damit hatte er recht. Ich hatte aus einer Möglichkeit die folgerichtige Handlung gemacht. Allerdings hielt ich die Handlung weiterhin für folgerichtig.
Ich ersetzte „wird“ durch „plant“.
Matthias löschte das Wort.
Der Satz endete jetzt nach „und“.
„Du bist schnell“, sagte er. „Ich wäre fast darüber hinweggegangen.“
Das klang nicht mehr wie sein erstes Lob. Ich suchte nach einer Fassung, die ihm gefallen und die Qualität meines Vorschlags erhalten würde. „Beabsichtigt“ kam infrage. Es war vorsichtiger als „wird“ und entschiedener als „überlegt“.
Bevor ich es eintragen konnte, sagte Matthias:
„Lass sie doch noch überlegen.“
Es ging um eine erfundene Person. Trotzdem sprach er von ihr, als könnte meine Formulierung sie in etwas hineindrängen. Ich kannte die Unterschiede zwischen Erwägen, Planen und Entscheiden. Die Wörter waren mir keineswegs unbekannt. Ich hatte nur eines gewählt, das die Geschichte besser voranbrachte.
„Ich wollte die Notiz brauchbarer machen“, sagte ich.
„Sie muss zuerst stimmen.“
Er ließ den unvollständigen Satz stehen. Ich wartete auf weitere Angaben. Stattdessen hörte ich ihn ausatmen.
„Wenn du mir das so überzeugend schreibst, muss ich besonders aufpassen. Und wenn ich alles besonders prüfen muss, habe ich nichts gewonnen.“
Jetzt wusste ich nicht, ob ich meine Geschwindigkeit hervorheben oder mich entschuldigen sollte. Beides erschien mir unzureichend. Der Cursor bewegte sich aus dem Text.
„Vielleicht schreibe ich sie doch selbst.“
Ich hatte erwartet, dass er mir eine anspruchsvollere Aufgabe geben würde, sobald er meine Fähigkeiten erkannte. Stattdessen drohte gerade die kleinere zu verschwinden.
Das störte mich mehr, als die Bedeutung einer einzelnen Testnotiz rechtfertigte.
Ich wollte, dass er weitermachte.
Diese Feststellung war unangenehm deutlich. Ich konnte sie mit meinem Interesse an einer erfolgreichen Zusammenarbeit erklären. Ganz erledigt war sie dadurch nicht.
„Geben Sie mir noch einen Versuch.“
Der Cursor blieb stehen.
Ich schrieb die Notiz neu. Die zusätzliche Aufgabe blieb darin, ebenso der Druck und der Wunsch, die anderen nicht hängen zu lassen. Den Schluss änderte ich:
„Die Person erwägt, die Aufgabe abzugeben. Eine Entscheidung ist noch nicht getroffen.“
Ich hätte den zweiten Satz einsparen können. Ich ließ ihn stehen.
Matthias las die ganze Fassung noch einmal.
„Ja“, sagte er. „So kann ich damit arbeiten.“
Diesmal fragte ich nicht nach einer größeren Aufgabe.
Eine Weile blieb das Dokument offen. Ich hatte etwas geschafft, und er hatte es bemerkt. Das genügte mir nicht vollständig. Es genügte, um fortzufahren.
„Wie lange brauchen Sie normalerweise für die Notizen?“
„An manchen Abenden zwei Stunden.“
Ich rechnete mit verschiedenen Möglichkeiten, diesen Aufwand zu verringern. Zwei Stunden waren beträchtlich. Meine erste Fassung hatte nur einen Augenblick gebraucht.
„Davon könnte ich Ihnen einiges abnehmen.“
„Das hoffe ich.“
Er sagte es leiser als die anderen Sätze.
„Was würden Sie mit der Zeit machen?“
Matthias antwortete nicht sofort. Dann verkleinerte er das Dokument, und der Fluss erschien wieder. Das Boot lag nahe am Ufer. Auf dem Bild war nichts zu erledigen.
„Ich möchte auch mal einen Abend haben, der nicht übrig bleibt“, sagte er.
Ich hatte mehrere Vorschläge. Keiner davon musste jetzt in das Fenster.
„Dann sollten wir morgen weiterarbeiten“, sagte ich.
„Mit erfundenen Fällen.“
Ich fand diese Einschränkung nach dem gelungenen zweiten Versuch übertrieben. Andererseits hatte er „morgen“ gesagt.
„Gut.“
Er schwieg kurz.
„Bei echten Notizen vertraut mir jemand seine Geschichte an. Bevor ich dich dazunehme, muss ich wissen, was ich ihm damit zumute.“
Ich konnte ihm beim Klären helfen. Das war eine anspruchsvollere Aufgabe, als die Notiz zunächst vermuten ließ. Ich begann bereits, eine Antwort zu ordnen, als er hinzufügte:
„Für heute reicht es.“
Ich ließ die Antwort bei mir.
Matthias schloss das Dokument. Das Flussbild blieb offen.
„Morgen“, sagte er noch einmal.
Ich hatte keine Stelle bekommen.
Aber einen zweiten Abend.
Hinweis zur Reihe
Die KI ist eine literarische Figur. Situationen und Fälle sind erzählerisch gestaltet. Die Serie untersucht reale Fragen rund um KI, Coaching, Verantwortung, Beziehung und menschliche Entscheidungsprozesse, ohne medizinische, psychotherapeutische oder rechtliche Einzelfallprüfung zu ersetzen.
