Nach Folge 6 könnte man fast misstrauisch werden. Wenn sich Lernen leicht anfühlt, soll das womöglich nur Vertrautheit sein. Wenn es schwierig wird, ist auch das kein verlässliches Gütesiegel. Und wenn ich schnell antworte, darf ich daraus ebenfalls nicht sofort schließen, dass ich etwas wirklich kann.
Das ist wissenschaftlich vernünftig und hat didaktisch einen kleinen Schönheitsfehler: Irgendwann soll Lernen doch tatsächlich leichter werden.
Ich möchte beim Autofahren nicht bei jedem Gangwechsel die Kupplung theoretisch rekonstruieren. Beim Schreiben möchte ich nicht über jeden Buchstaben nachdenken. Und wenn ich einen technischen Befehl hundertmal benutzt habe, wäre es eher beunruhigend, wenn ich ihn jedes Mal wieder wie eine neue philosophische Frage behandeln müsste.
Leichtigkeit kann also durchaus das Ziel von Lernen sein. Nur müssen wir genauer fragen, was da leicht geworden ist.
Vertraut ist nicht dasselbe wie verfügbar
Der erste Stolperstein ist uns inzwischen bekannt. Etwas kann vertraut wirken, weil es oft gesehen wurde. Das ist nicht dasselbe wie die Fähigkeit, es ohne Vorlage hervorzubringen.
Koriat und Bjork haben gezeigt, wie leicht Lernende ihre spätere Erinnerungsleistung überschätzen, wenn während des Lernens Informationen sichtbar vorliegen, die im Test erst selbst erzeugt werden müssen.[11] Eine Formel sieht vertraut aus, ein französischer Satz klingt bekannt, der Menüpunkt ist sofort wiederzuerkennen. Verschwindet die Vorlage, beginnt eine andere Aufgabe.
Leichtigkeit generell zu verdächtigen wäre deshalb genauso voreilig wie sie für einen Kompetenznachweis zu halten. Interessanter ist: Ist es leicht, weil die Lösung noch vor mir liegt – oder weil ich sie tatsächlich verfügbar habe?
Wenn Übung Arbeit abnimmt
Bei vielen Fertigkeiten ist genau das der Sinn von Übung: Teile einer Handlung werden schneller, stabiler und benötigen weniger bewusste Aufmerksamkeit.
Die klassische Forschung zur Automatisierung beschreibt solche Veränderungen seit Jahrzehnten. Schneider und Shiffrin zeigten, dass bei konsistenten Reiz-Reaktions-Zuordnungen Suchprozesse zunehmend automatisch werden konnten, während wechselnde Zuordnungen bewusste Kontrolle erforderten.[1]
Logan erklärte solche Geschwindigkeitsgewinne später anders: Vielleicht wird nicht eine abstrakte Regel „automatisch“, sondern der Mensch ruft zunehmend schnell passende gespeicherte Einzelfälle ab.[2]
Anderson wiederum beschreibt mit seiner ACT-Theorie, wie aus deklarativem Wissen durch Übung ausführbare Regeln oder Produktionen entstehen können.[3]
Die theoretischen Erklärungen unterscheiden sich. Für unsere Frage genügt zunächst der gemeinsame empirische Kern: Wiederholung kann verändern, wie eine Aufgabe bearbeitet wird. Etwas, das anfangs viel Aufmerksamkeit bindet, kann später schneller und mit geringerem Aufwand gelingen. Häufig ist genau das erwünscht.
Automatisieren heißt nicht: Denken abschaffen
Bei komplexeren Tätigkeiten wird das besonders interessant. Wer beim technischen Troubleshooting noch jeden Standardbefehl, jede Syntax und jeden Basisschritt bewusst zusammensuchen muss, hat weniger Aufmerksamkeit für die eigentliche Diagnose übrig.
Beim Sprechen einer Fremdsprache ist es ähnlich: Wenn jede häufige Form erst mühsam zusammengesetzt werden muss, bleibt weniger Kapazität für Bedeutung, Gegenüber und Reaktion.
Die Cognitive-Load-Forschung liefert dafür einen theoretischen und experimentellen Hintergrund: Gut verfügbare Schemata und Teilfertigkeiten können Arbeitsgedächtnis entlasten.[4] Mit wachsendem Vorwissen verändern sich deshalb auch die Hilfen, die noch nützlich sind; was Anfängern Struktur gibt, kann Fortgeschrittene irgendwann eher behindern.[5]
Leichtigkeit kann also etwas sehr Produktives bedeuten: weniger Aufmerksamkeit für eingeübte Teilhandlungen – und damit mehr Spielraum für das, was noch entschieden werden muss.
Die schöne Lernkurve existiert nicht ganz so schön
Wer oft übt, wird meist schneller.
Das ist so offensichtlich, dass sich daraus früh die Vorstellung eines allgemeinen „Power Law of Practice“ entwickelte: große Fortschritte am Anfang, danach immer kleinere Zugewinne.
Nur ist selbst diese vertraute Kurve weniger universell, als sie aussieht.
Heathcote, Brown und Mewhort analysierten 7.910 individuelle Lernreihen aus 475 Personen und 24 Experimenten. In den individuellen Daten passte häufig eine Exponentialfunktion besser; erst durch Mittelung konnte wieder der Eindruck eines Potenzgesetzes entstehen.[6]
Für unsere Lernwelt ist das ein nützlicher Dämpfer. Eine hübsche Durchschnittskurve ist noch kein persönlicher Lernfahrplan. Menschen starten auf unterschiedlichen Niveaus, wechseln Strategien, stagnieren, machen Sprünge oder finden plötzlich eine bessere Lösung.
Wer aus einer glatten Gruppenkurve eine individuelle Übungsdosis ableitet, hat womöglich vor allem die Vereinfachung automatisiert.
Wie viel weiterüben, wenn es schon klappt?
Damit stellt sich eine naheliegende Frage: Wenn eine Aufgabe einmal gelingt – sollte man dann einfach weitermachen, bis sie wirklich sitzt?
Die Forschung nennt das Overlearning: Weiterüben, nachdem ein definiertes Erfolgskriterium bereits erreicht ist.
Dafür gibt es positive Befunde. Eine ältere Meta-Analyse fand im Mittel Vorteile für späteres Behalten.[7]
Aber auch hier wird es schnell weniger ordentlich.
Rohrer und Kollegen ließen Studierende Fakten und Wortdefinitionen über das erste erfolgreiche Lernen hinaus weiterüben. Nach einer Woche zeigte sich ein deutlicher Vorteil, über längere Intervalle schrumpfte dieser Zusatznutzen jedoch.[8]
Bei Mathematikaufgaben fanden Rohrer und Taylor dagegen keinen Vorteil von neun statt drei Aufgaben derselben Art nach einer oder vier Wochen.[9]
Und Karpicke und Roediger zeigten bei fremdsprachigen Wortpaaren etwas noch Interessanteres: Zusätzliches bloßes Studieren nach dem Lernen brachte keinen verzögerten Vorteil, wiederholtes Abrufen dagegen schon.[10]
„Mehr üben“ ist also erneut keine ausreichend genaue Anweisung. Entscheidend ist, was man weiter tut – und wofür.
Routine darf nützlich sein
Nun könnte man das Pendel wieder zu weit zurückschwingen lassen und jede Routine für verdächtig halten. Eine korrekte, schnelle und stabile Routine ist wertvoll, wenn die Situation genau diese Routine verlangt. Niemand gewinnt Flexibilität dadurch, dass er einen elementaren Schritt absichtlich langsam und unsicher ausführt.
Spannend wird es dort, wo die Voraussetzungen der Routine nicht mehr gelten.
Die Forschung zu Expertise zeigt genau diese Spannung.
In Schachaufgaben kann eine vertraute, zunächst plausible Lösung die Suche auf bessere Alternativen verengen – ein Einstellungseffekt.[13]
Aber der gleiche Forschungsstrang enthält eine wichtige Korrektur zur beliebten Geschichte vom „blinden Experten“: stärkere Schachspieler waren weniger anfällig für diesen Effekt.[13]
Routine und Flexibilität sind also keine natürlichen Feinde. Hatano und Inagaki haben dafür die konzeptionelle Unterscheidung zwischen routine expertise und adaptive expertise beschrieben: bekannte Aufgaben effizient bewältigen und zugleich bei veränderten Anforderungen Verständnis flexibel einsetzen oder Verfahren verändern.[14]
Für unsere Frage ist das die interessantere Zielrichtung: Routine darf tragen, solange ihre Voraussetzungen gelten. Können zeigt sich zusätzlich darin, rechtzeitig zu bemerken, wann sie nicht mehr reicht.
Schnell ist nur dann gut, wenn richtig mitkommt
Geschwindigkeit ist für Lernsysteme verführerisch, schon weil sie so leicht zu messen ist: Antwortzeit in Millisekunden, Bearbeitungsdauer, Pausen, Klickgeschwindigkeit. Ein Fortschrittsindikator ist daraus schnell gebaut.
Nur kann eine schnellere Antwort verschiedene Ursachen haben – bessere Verarbeitung ebenso wie mehr Vertrautheit, früheres Wiedererkennen, eine niedrigere Entscheidungsschwelle oder schlicht schnelleres Raten.
Modelle zu Reaktionszeit und Genauigkeit zeigen deshalb, dass Geschwindigkeit und Fehler gemeinsam betrachtet werden müssen.[17]
Wenn jemand auf einer vergleichbaren neuen Aufgabe schneller und mindestens ebenso korrekt arbeitet, ist das ein deutlich stärkeres Signal als ein reiner Speed-up.
Bei schwierigen, riskanten oder ungewöhnlichen Fällen kann langsameres Arbeiten sogar zur besseren Leistung gehören. Ein System Engineer, der bei einem unbekannten Incident kurz innehält, Alternativen prüft und nicht sofort den vertrauten Fix ausführt, ist deshalb nicht plötzlich weniger kompetent.
IT: Was darf automatisch werden?
Beim IT-Troubleshooting ist die Unterscheidung fast greifbar. Syntax, Werkzeugbedienung und elementare Standardprüfungen dürfen leicht werden. Auch typische Logmuster dürfen irgendwann schnell erkannt werden.
Aber die Hypothese, warum ein System gerade fehlschlägt, sollte nicht allein deshalb automatisch werden, weil ein bekanntes Symptom auftaucht.
Eine kleine explorative Studie mit sechs System Engineers in einem virtuellen Netzwerk fand, dass erfahrenere Personen den Fehlerraum systematischer durch Verbindungsprüfungen eingrenzten.[21]
Das ist kein Trainingsexperiment und kein Nachweis einer Automatisierungsschwelle. Die kleine Studie zeigt lediglich, dass sich Expertise auch in der Art zeigen kann, wie ein Problemraum strukturiert wird – nicht nur im Tempo.[21]
Für KI-gestützte Software- oder Netzwerk-Fehlersuche mit späterem realem Incident-Transfer fehlt uns weiterhin der direkte Längsschnittbefund. Diese Lücke bleibt also offen.
Prüfung: Schnell abrufen, langsam entscheiden
In einer Prüfung kann schneller Abruf sehr nützlich sein. Wer eine Formel, Definition oder Grundregel erst nach langem Suchen hervorbringt, verliert Zeit und mentale Kapazität. Häufig folgt allerdings noch eine zweite Aufgabe: die Entscheidung, ob genau diese Regel in diesem Fall überhaupt passt.
Eine automatisch verfügbare Grundfertigkeit ist deshalb hilfreich, aber nicht hinreichend. Eine Formel unter vier Antwortmöglichkeiten wiederzuerkennen ist etwas anderes, als sie frei abzurufen; und beides unterscheidet sich noch einmal davon, in einem neuen Fall ihre Anwendbarkeit zu beurteilen.
Leichtigkeit darf also zunehmen. Die Gegenprobe muss nur mitwachsen.
Französisch: Wenn die Sprache Platz für das Gespräch macht
Beim Sprachenlernen ist die Idee besonders attraktiv. Wenn häufige Wörter, Formen oder Aussprachemuster schneller verfügbar werden, bleibt mehr Aufmerksamkeit für Bedeutung und Gesprächspartner.
Eine Studie mit Englischlernenden zeigte, dass wiederholte Produktion derselben Rede zu stabileren Flüssigkeitsgewinnen führen konnte als wechselnde Reden.[15] Das ist ein begrenzter Hinweis auf zunehmende Flüssigkeit bei dieser Aufgabe, kein Nachweis für spontane französische Konversation.
Gerade dort müssten wir mehrere Ziele auseinanderhalten: Wortverfügbarkeit, Grammatik, Aussprache, Verständlichkeit – und die spontane Reaktion auf einen Gesprächszug, den vorher niemand freundlicherweise ins Übungsprogramm geschrieben hat.
Ein geübter Satz darf leicht werden. Interessant wird es, wenn der nächste Satz nicht geübt ist.
Auf die Werkbank: Leichtigkeit braucht Gegenproben
Für unser Agentensystem folgt daraus eine fast beruhigende Regel: Es darf Leichtigkeit als Ziel akzeptieren. Häufig gebrauchte Teilfertigkeiten sollen nicht künstlich schwierig gehalten werden. Wenn eine sichere Routine Aufmerksamkeit freisetzt, ist das ein Gewinn.
Nur darf das System aus dem Tempo keinen Beherrschungswert machen. Ein schneller Trainingsdurchgang ist zunächst Leistung unter genau diesen Bedingungen. Für eine stärkere Aussage braucht es wieder unsere Gegenproben: ohne die bisherigen Stützen, später noch einmal und – wenn flexibles Können beansprucht wird – mit einer Aufgabe, bei der die vertraute Routine ausgewählt, angepasst oder bewusst verlassen werden muss.
Dabei gehören Geschwindigkeit und Genauigkeit zusammen. Wiedererkennen bleibt etwas anderes als freier Abruf. Und zusätzliche Wiederholung bekommt keinen automatischen Bonus, nur weil mehr Übung nach mehr Lernen klingt.
Vielleicht braucht unsere Lernwelt deshalb neben der Frage „Kannst du es schon?“ noch eine zweite, ungewöhnlich freundliche Frage:
Ist diese Teilfertigkeit inzwischen leicht genug?
Wenn ja, muss die KI nicht weiter Schwierigkeit produzieren, um ihre Existenz zu rechtfertigen. Sie kann eine Pause zulassen, später noch einmal nachsehen oder die Aufgabenfamilie wechseln.
Leicht werden darf, was trägt. Ob es trägt, zeigt sich allerdings nicht daran, dass es sich leicht anfühlt.
Quellen und Spuren
- Walter Schneider & Richard M. Shiffrin (1977): Controlled and automatic human information processing: I. Detection, search, and attention. Psychological Review, 84(1), 1–66. DOI 10.1037/0033-295X.84.1.1.
- Gordon D. Logan (1988): Toward an instance theory of automatization. Psychological Review, 95(4), 492–527. DOI 10.1037/0033-295X.95.4.492.
- John R. Anderson (1982): Acquisition of cognitive skill. Psychological Review, 89(4), 369–406. DOI 10.1037/0033-295X.89.4.369.
- John Sweller (1988): Cognitive load during problem solving: Effects on learning. Cognitive Science, 12(2), 257–285. DOI 10.1207/s15516709cog1202_4.
- Slava Kalyuga et al. (2003): The expertise reversal effect. Educational Psychologist, 38(1), 23–31. DOI 10.1207/S15326985EP3801_4.
- Andrew Heathcote, Scott Brown & Douglas J. K. Mewhort (2000): The power law repealed: The case for an exponential law of practice. Psychonomic Bulletin & Review, 7, 185–207. DOI 10.3758/BF03212979.
- James E. Driskell, Ruth P. Willis & Carolyn Copper (1992): Effect of overlearning on retention. Journal of Applied Psychology, 77(5), 615–622. DOI 10.1037/0021-9010.77.5.615.
- Doug Rohrer et al. (2005): The effect of overlearning on long-term retention. Applied Cognitive Psychology. DOI 10.1002/acp.1083.
- Doug Rohrer & Kelli Taylor (2006): The effects of overlearning and distributed practise on the retention of mathematics knowledge. Applied Cognitive Psychology. DOI 10.1002/acp.1266.
- Jeffrey D. Karpicke & Henry L. Roediger III (2008): The critical importance of retrieval for learning. Science, 319(5865), 966–968. DOI 10.1126/science.1152408.
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- Asher Koriat & Robert A. Bjork (2006): Illusions of competence during study can be remedied by manipulations that enhance learners' sensitivity to retrieval conditions at test. Memory & Cognition.
- Merim Bilalić, Peter McLeod & Fernand Gobet (2008): Arbeiten zum Einstellungseffekt bei Schachexperten, darunter Inflexibility of experts—Reality or myth? und Why good thoughts block better ones. Die Studien zeigen sowohl Fixierung als auch geringere Anfälligkeit bei stärkerer Expertise.
- Giyoo Hatano & Kayoko Inagaki (1986): Two courses of expertise. In: Child Development and Education in Japan, S. 262–272. Konzeptquelle zu routine und adaptive expertise.
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